Von der Wiege bis zur Bahre - Warum der bewusste Umgang mit Kleidung Sinn macht

Warum der bewusste Umgang mit Kleidung Sinn macht
Ob Fair Fashion oder korrekte Klamotten: „Ökofaire“ Kleidung kommt in Mode. Der bewuss-te Umgang mit Textilien beschränkt sich nicht mehr auf die Fairhandels- und Ökoszene; auch kleine Labels werben mit flotten Sprüchen für zertifizierte Biobaumwolle und soziale Gerechtigkeit. Sie reagieren damit auch auf die zunehmende Nachfrage einer solventen Käufer-schicht, die sich beim Konsum für Umwelt, Klimaschutz und menschenwürdige Arbeitsbedingungen engagieren möchte.

Ökofair: Beliebte Nische
Die Vorteile umweltfreundlich und fair produzierter Kleidung liegen auf der Hand: Die Rohstoffe – meist Baumwolle, aber auch Hanf, Seide und Leinen - werden ohne Verwendung von Kunstdünger und Pestiziden erzeugt. Auch die Weiterverarbeitung – zum Beispiel das Färben der Stoffe – ist gesundheitlich unbedenklich. Die Arbeiter/innen profitieren außerdem von menschenwürdigen Arbeitsbedingungen und besseren Löhnen. Ökofaire Unternehmen verweisen heute auf die Einhaltung der ILO-Arbeitsnormen, die u.a. ein Diskriminierungsverbot, Vereinigungsfreiheit und das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit vorsehen . Allerdings ist es schwierig, die sozialen und ökologischen Standards bei der Herstellung von Textilien zuverlässig zu überwachen. Die Produktionskette ist komplex und fast undurchschaubar, denn von der Ernte der Baumwolle bis zum Verkauf durchläuft ein Kleidungsstück viele Stationen in mehreren Ländern. Es bedeutet daher einen enormen logistischen Aufwand, die ökofaire Produktion der gesamten textilen Kette nachzuweisen. Deshalb wagten sich zum Beispiel Fairhandelsimporteure nur zögerlich an die Produktion von Textilien.
Und für Konsumenten war es lange nicht einfach, ökofaire Kleidung zu bekommen. Auch heute ist der weltweite Anteil der Biobaumwolle mit 0,1 Prozent noch sehr gering. Der Trend der letzten Jahre zeigt aber, dass der Anbau von Biobaumwolle deutlich zunimmt .

Kleidung mit dunkler Vorgeschichte
Diesen Trend gilt es weiter auszubauen. Denn in der konventionellen Textilherstellung liegt vieles im Argen: Bei der Produktion von Baumwolle werden ca. 25 Prozent aller weltweit verwendeten Insektizide eingesetzt – so viel wie in keinem anderen landwirtschaftlichen Be-reich. Nach einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich etwa 20.000 Kleinbäuer/innen an den Folgen des Pestizideinsatzes beim Baumwollan¬bau. Auch beim Färben der Baumwolle, bei der Produktion von Chemiefasern und bei der Veredelung von Textilien werden viele Chemikalien verwendet. Dies führt nicht nur zu gesundheitlichen Schädigungen bei den Arbeiter/innen, sondern auch zu einer hohen Abwasserbelastung.
Produziert wird das Gros der Textilien in den freien Exportzonen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas. Die Arbeiterinnen müssen oft 6-7 Tage pro Woche arbeiten, sie haben keinerlei soziale Absicherung, es gibt keinen Mutter- und Gesundheitsschutz und keine Sicherheitsvorkehrungen am Arbeitsplatz.
Sehr deutlich zeigt sich der schonungslose Umgang mit Mensch und Natur beim Einsatz der Sandstrahltechnik zur Aufhellung von Jeans. Damit diese einen trendigen Used-Look erhalten, werden sie stundenlang mit einem Hochdruckgerät bestrahlt. Die Arbeiter tragen dabei meist keine Atemschutzgeräte und atmen permanent Sandstaub ein. Viele von ihnen erkranken an Silikose, auch Staublunge genannt. Öffentlicher Druck hat mittlerweile einige Bekleidungshersteller veranlasst, auf die Sandstrahltechnik zu verzichten, darunter C&A, Esprit, H&M und Levis. Andere Firmen wenden die Technik mit all ihren Folgen jedoch weiter an.

Durch Kampagnen zu sauberer Kleidung
Dass einige Modehersteller sich von dieser lebensbedrohenden Methode losgesagt haben, ist auch Organisationen wie der Kampagne für Saubere Kleidung, dem INKOTA-Netzwerk und der Christlichen Initiative Romero zu verdanken. Seit den 1990er Jahren setzen sie sich mit politischen Aktionen, Kampagnen und Pressearbeit für soziale Mindeststandards bei der Herstellung von Textil- und Sportartikeln ein. Sie ermitteln Arbeitsrechtsverletzungen und versuchen, die Hersteller durch öffentlichen Druck zur Unterzeichnung von Verhaltenskodices zu bewegen, die zumindest die Einhaltung der ILO-Normen garantieren. Zwar haben sich Gesundheits- und Sicherheitsstandards bei der Produktion erhöht und in vielen Fabriken wurde Kinderarbeit verboten. Doch in Bezug auf Arbeitszeiten, Löhne und Gewerkschaftsrechte konnten bisher wenig Verbesserungen in der Praxis durchgesetzt werden. Auch sind Zulieferfirmen, Saisonarbeiter/innen und Migrant/innen häufig von den Kodices ausgeschlossen . Ein Verhaltenskodex auf der Internetseite einer Textilfirma ist also noch kein Beleg für eine sozialverträgliche Produktion. Für Verbraucher/innen ist es auch schwierig, den Siegeldschungel zu durchschauen, der eigentlich die Entscheidung für eine ökofaire Gar-derobe erleichtern soll. Auch hält längst nicht jedes Siegel, was man sich davon verspricht.

Ökofairer Vorreiter: Das Beispiel Hess Natur
Als eines der wenigen Unternehmen in Deutschland macht Hess Natur seine Produktionsme-thoden über die gesamte textile Kette transparent. In den 1970er Jahren gegründet, achtete das Versandhaus bei der Produktion anfangs „nur“ auf ökologische Kriterien. Nach einem intensiven Dialog, u.a. mit der Clean Clothes Campaign, begann Hess Natur 2001 mit der Einführung fairer Arbeitsbedingungen. Heute ist das Unternehmen Mitglied der FairWearFoundation (FWF), einer internationalen Kontrollinitiative, die soziale Standards in der Textilindustrie einfordert und begutachtet. Inzwischen arbeitet die Firma daran, in ihren Partnerbetrieben einen living wage durchzusetzen.
Allerdings ist die Zukunft des Unternehmens ungewiss: Ein amerikanischer Fonds, der auch an Rüstungsunternehmen beteiligt ist, will Hess Natur kaufen. Kundinnen, Mitarbeiter und Betriebsrat haben daher gemeinsam mit der Kampagne für Saubere Kleidung und Attac-Mitgliedern im März 2011 die Genossenschaft hnGeno gegründet. Ziel ist, Hess Natur zu übernehmen und in Eigenregie weiter zu führen. Hierfür werden allerdings noch mehrere Millionen Euro benötigt (Infos unter www.hnGeno).

Flott und fair: kleine Modelabels
Inzwischen gibt es eine wachsende Zahl kleiner Modelabels, die „Wegbegleiter statt Wegwerfware“ anbieten. Sie werben mit Slogans wie „Wolltest Du für einen Hungerlohn arbeiten?“ „Du hast die Erde lieb? Wir auch.“ Oder: „Organic is not a fashion – it´s a commitment”. Um sich besser vernetzen und austauschen zu können, haben sich viele dieser Labels, Läden und Vertriebe im Internetblog www.korrekte-klamotten.de zusammen getan. Sie alle lassen ihre Kleidung „unter zertifizierten Bedingungen aus nachhaltigen Rohstoffen“ produzieren.
Korrekte-klamotten.de informiert über neue Produkte und Entwicklungen aus den Betrieben der Blogmitglieder. Die Plattform wirbt außerdem für Kleidertauschbörsen und die Wieder-verwertung ausgedienter Materialien. Und sie liefert theoretischen Input – zum Beispiel zur Weiterentwicklung des GOTS-Siegels..Ein Projekt der jungen Generation – trendig, selbstbewusst und kommunikativ.

Eine Welt für sich: Gebrauchtkleidung
Die im Korrekte-Klamotten-Blog empfohlenen Tauschbörsen – auch als „große Tauschsause“ für „langweilig gewordene Klamotten“ beworben - sind eine gute Möglichkeit, die Lebensdauer von Textilien zu verlängern und Ressourcen zu schonen. Insgesamt hat „Kleidung aus zweiter Hand“ in den letzten Jahren ihr negatives Image verloren. Sie ist in Secondhandshops, Sozialkaufhäusern, bei Tauschpartys oder in kleinen Läden zu bekommen, die ausgediente Textilien zu flotten Einzelstücken verarbeiten.
Wer sich endgültig von einem Kleidungsstück verabschieden möchte, kann auch dies auf faire Weise tun. Das Zeichen FairWertung ist dabei eine Orientierungshilfe für alle, die auf der Suche nach einer seriösen Sammelorganisation sind.
Vom Anbau der Rohstoffe bis zum Abschied vom einst geliebten Kleidungsstück: Es macht Sinn, sich für einen bewussten Umgang mit Textilien zu entscheiden. Ökofaire Mode schont Mensch und Umwelt nicht nur in der Produktion. Sie ist auch ein Gewinn für Gesundheit und Geldbeutel der Verbraucher/innen: Ihre meist sehr gute Qualität macht sie langlebig, und sie ist kaum durch Chemikalien belastet. Deshalb ist ökofaire Kleidung zukunftweisend für eine nachhaltige Entwicklung der Textilwirtschaft.

Dieser Artikel ist im Magazin Brauchbar 2011 erschienen

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