Ökofaire Kleidung - Suche im Siegel- Dschungel

Berndt Hinzmann ist beim ökumenischen Netzwerk INKOTA verantwortlich für Kampagnen und Bildungsarbeit. Er beschäftigt sich besonders mit den Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie. Petra Schrömgens sprach mit dem Experten in Berlin.


Berndt Hinzmann vom ökumenischen Netzwerk INKOTA

Herr Hinzmann, ich brauche eine neue Jeans. Sie soll aus Biobaumwolle und ohne gesundheitsschädliche Chemikalien hergestellt sein. Mit ihrem Kauf will ich weder Kinderarbeit noch ausbeuterische Produktionsbedingungen unterstützen. Trotzdem sollte das gute Stück nicht zu teuer sein. Wo finde ich meine Wunsch-Jeans und woran erkenne ich sie?
Hinzmann: Das wird eine schwierige Suche, vor allem mit dem Erkennen wird es schwierig. Denn leider gibt es bislang wenig Transparenz für die Konsumenten. Über Umwelt- und Sozialverträglichkeit gibt das Etikett in der Kleidung leider keine Informationen.

Bei Kaffee, Tee und anderen Lebensmitteln kann ich mich am Transfair-Siegel orientieren. Das gibt es zwar mittlerweile auch für Kleidung, aber das Angebot ist mehr als mager. Warum funktioniert das Siegel bei Kleidung nicht genauso wie bei Kaffee?
Hinzmann: Bei Bekleidung ist die Lieferkette viel länger und komplexer. Häufig gibt es mehrere Grundstoffe für ein Kleidungsstück, allein das macht die Sache unübersichtlich. Wenn ein Unternehmen bestimmte Sozial- und Umweltstandards will, muss es eine hohe Durchsetzungskraft haben - und das geht nur, wenn die ganze Lieferkette bekannt ist und langfristige Geschäftsbeziehungen zum Lieferanten bestehen. Wenn es mal hier, mal da bestellt, besteht kaum Möglichkeit zur Einflussnahme auf Produktionsbedingungen oder Produktqualität.

Gibt es andere Siegel, die Öko- und Sozialstandards im Verlauf der Produktionskette garantieren?
Hinzmann: Leider gibt es einen ziemlich undurchschaubaren Siegel-Dschungel! Das geht schon bei den Öko-Standards los: Das Siegel Öko-Tex 100 zertifiziert nur, dass bestimmte Schadstoffe im Kleidungsstück nicht vorhanden sind. GOTS (Global Organic Textile Standard) zertifiziert bereits den Anbau der Bio-Baumwolle, ist also gegenüber Öko-Tex der bessere Standard. Die soziale Komponente der Lieferkette wird derzeit jedoch bei GOTS noch nicht verifiziert. Daneben gibt es eine große Anzahl weiterer Zeichen, die oftmals nicht das halten, was öko-faire Konsumenten sich von einem „Öko-Siegel“ versprechen. Ein gutes Beispiel für eine „Mogelpackung“ ist ‚Cotton made in Africa‘. Die Baumwolle kommt zwar aus Afrika, es kommt aber weder ein hoher Organic- noch ein Fair Trade-Standard zur Anwendung. Viele deutsche Unternehmen, die bei weit reichenden Standards zögerlich sind, werden bei ‚Cotton made in Africa‘ aktiv. Das zeigt, dass hinter diesem neuen Siegel handfeste PR-Interessen stecken. Hier besteht eine Herausforderung für die Politik, die Rahmenbedingungen aktiv zu Gunsten der besten Standards zu gestalten. Der unübersichtliche Siegel-Dschungel im Textilbereich müsste gelichtet werden, und der Gesetzgeber sollte Unternehmen verbindlich zu transparenten Produktionsweisen verpflichten, die weder Mensch noch Umwelt schaden.

Seit Jahren gibt es die Kampagne für Saubere Kleidung, die für faire Arbeitsbedingungen in den Weltmarktfabriken kämpft. Nun werben immer öfter Handelsketten und Mode-Labels mit den Begriffen ökologisch und/oder fair. Marketingstrategie oder tatsächlich dem Druck dieser Kampagne geschuldet?
Hinzmann: Die Kampagne hat schon einige Wirkung gezeigt. Viele Menschen haben durch ihre Unterstützung deutlich gemacht, dass es eine wachsende Zahl kritischer Konsumenten gibt. Dieser EU-weite Druck hat durchaus Eindruck auf die Firmen gemacht. Sie sind heute stärker darauf bedacht, sich ein ‚sauberes‘ Image zu geben und nicht grob fahrlässig Mindeststandards zu verletzen. Das bringt auch für die Unternehmen Vorteile. Viele Markenfirmen setzen zunehmend auf langfristige Geschäftsbeziehungen. Damit können sie eine gleichbleibende Qualität ihrer Produkte gewährleisten. Doch sie sollten auch die Produktionsbedingungen beeinflussen und für Investitionen sorgen: zum Beispiel könnten sie in Kläranlagen, Brandschutz oder andere Sicherheitsmaßnahmen investieren. Solche Dinge kommen der Umwelt und den Arbeiterinnen und Arbeitern direkt zugute. Die wichtigsten Forderungen an die Unternehmen sind allerdings Löhne, von denen man leben kann und das Ende der exzessiven Überstunden. Beides ist schon lange überfällig!

‚Social Responsibility‘ ist in den letzten Jahren immer stärker ins Gespräch gekom¬men. Produktionsfirmen im In- und Ausland haben eigene Normenkataloge für Umwelt- und Sozialstandards entwickelt. Ist die Umsetzung erfolgreich?
Hinzmann: Meistens ist sie das nicht. Der bessere Ansatz wäre ein Verifizierungsverfahren , das das gesamte Unternehmen und die komplette Lieferkette erfasst: Auf eine Verpflichtung zur Einhaltung der ILO-Sozialstandards müssten verschiedene Methoden folgen, die Transparenz herstellen und die Umsetzung der Standards vorantreiben. Dabei sollten auch Gewerkschaften und Arbeiterinnen in die Entwicklung von Verbesserungsmaßnahmen einbezogen werden. Anschließend müssten die Fortschritte unabhängig überprüft werden. Solche Verfahren gibt es momentan aber nur bei Nischenanbietern. Recht progressiv ist das Versandunternehmen Hess Natur. Durch seine Mitgliedschaft in der Fairwear-Foundation, einer niederländischen Verifizierungsorganisation, hat Hess Natur sich zur Einhaltung von Sozialstandards verpflichtet. Diese werden jährlich überprüft, und Hess Natur muss berichten, was zur Verbesserung unternommen wurde. Seit dem letzten Jahr gibt es auch Firmen für Out-door-Kleidung, die auf diesem Weg Verbesserungen anstreben. Für sie beginnt jetzt eine große Herausforderung: Sie müssen die Verletzung von Sozialstandards entlang der Lieferkette erfassen, Maßnahmen zur Behebung der Mängel ergreifen und eine Verifizierung veranlassen.

Während der Berliner Fashion Week – einer großen internationale Modemesse – organisieren junge Designer eine eigene Schau mit öko-fairer Mode. Wie groß kann der Einfluss solcher Nischenveranstaltungen auf den ‚Mainstream‘ sein?
Hinzmann: Es hat hier in Berlin verschiedene Veranstaltungen zu öko-fairer Mode gegeben und man kann wirklich sagen, bei Modestudenten sind Wissen und Interesse vorhanden. Gerade die kleinen und jungen Labels setzen verstärkt auf „green fashion“ oder ‚ethical and ecological fashion‘, wie sie es nennen. Das tun sie aus Überzeugung, aber natürlich auch, weil es eine Chance ist, sich von den großen Billiganbietern abzusetzen. Das sind Trendsetter, die sich inhaltlich mit dem Thema auseinandersetzen und für die die praktische Umsetzung eine wichtige Rolle spielt. Und natürlich haben solche Wegbereiter einen Einfluss auf den Mainstream.

Viele Menschen mit öko-fairem Anspruch verbinden mit Nachhaltigkeit eine lokale o-der regionale Produktion. Greift das nicht zu kurz angesichts der Tatsache, dass die textile Kette ein Paradebeispiel für eine globalisierte Produktion ist?
Hinzmann: Derzeit greift das sicher zu kurz. Unter ökologischen Aspekten könnte man die lokale und regionale Produktion allein wegen der kürzeren Transportwege als Alternative zur globalen Produktion betrachten. Doch Staaten wie Vietnam, China oder Bangladesch haben gezielt günstige Rahmenbedingungen für die Ansiedlung von Bekleidungsproduzenten geschaffen. Dazu gehören Investitionen in die Infrastruktur, günstige Zölle und Steuern, die Behinderung der Rechte von Arbeitern und niedrigere Löhne. Als mittelständischer Betrieb mit heimischer Produktion gegen solche strukturellen Vorteile zu bestehen, ist so gut wie unmöglich.
Solange global agierende Unternehmen soziale und ökologische Standards missachten, werden Menschen gegeneinander ausgespielt. Außerdem ist lokale und regionale Produktion noch keine Garantie für die Einhaltung von Sozial- und Ökostandards. Niedrige Löhne, fehlende Gewerkschaften und die Missachtung ökologischer Mindeststandards sind leider ebenfalls global.

Worauf soll ich als bewusste Konsumentin denn nun ganz konkret beim Kauf eines neuen Kleidungsstückes achten?
Hinzmann: Zunächst ist die Frage: Was ist mir an meiner Kleidung wichtig? Will ich jeden aktuellen Trend mitmachen und quartalsweise den Kleiderschrank leeren oder setze ich auf Langlebigkeit? Die Antwort darauf beeinflusst mein Verbraucherverhalten. Dann würde ich schauen, aus welchem Material ein Kleidungsstück hergestellt ist, ob es z.B. das Öko-Siegel GOTS trägt. Die meisten Anbieter mit diesem Siegel sind Versandhäuser. In kleinen Naturtextilläden gibt es kompetente Beratung zu Herstellung, Pflege und Haltbarkeit eines Produktes. Als aufgeklärter Verbraucher informiere ich mich in Sachen Sozialstandards auf der Website der FairWear Foundation (www.fairwear.org).
Da sozial- und umweltverträglich hergestellte Produkte durchaus ihren Preis haben können, kann es eben auch heißen, den Konsum einzuschränken, Second-Hand-Kleidung zu kaufen oder Kleidung mit Freunden und Verwandten zu tauschen. Auch das sind Beiträge zur Nachhaltigkeit, denn sie fördern die Langlebigkeit von Textilien.
Als kritischer Verbraucher sollte man im Laden immer danach fragen, unter welchen Bedingungen die Kleidung hergestellt wurde. Man kann auch die KundInnenkarte der Kampagne für Saubere Kleidung hinterlassen, die die Forderungen der Organisation nach menschenwürdigen Arbeitsbedingungen enthält.
Mit ihrer Kaufentscheidung und der Forderung nach ethisch verantwortlicher Produktion haben Konsumenten Einfluss auf die Unternehmenspolitik. Erfreulich ist, dass Umfragen die Zunahme kritischen Verbraucherverhaltens bestätigen. Allerdings: Die kritischen Konsumenten allein werden’s nicht richten. Deshalb ist eine klare Politik gefordert, die für Transparenz, Verbraucherinformation und die Umsetzung von Umwelt- und Sozialstandards steht. Und: Die Unternehmen müssen noch mehr in die Pflicht genommen werden - für gute Arbeitsbedingungen und für eine Produktqualität im Sinne der Nachhaltigkeit, damit ein Kleidungsstück lange hält und auch wieder verwertet werden kann.

Dieser Artikel ist im Magazin Brauchbar 2011 erschienen

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