"Ich esse Mitumba, ich atme Mitumba. Mein Leben ist Mitumba."

Für Nikolas Winter ist der Altkleiderhandel zwischen Europa und Afrika eine Form des selbstbestimmten Wirtschaftens. Der Produzent und Regisseur war für das Wissensmagazin Galileo in Nairobi/Kenia und hat sich dort mit seinem Team auf die Suche nach den Gebrauchtkleidern gemacht. Ein Interview.

Herr Winter, warum sind Sie nach Nairobi geflogen?
Winter: Wir wollten den Altkleiderhandel in Afrika zeigen , da der Sachverhalt immer wieder in den Medien aufgegriffen wird. Außerdem hat das Thema „Kleiderspenden“ eine Nähe zum deutschen Fernsehzuschauer. Wir wollten uns anschauen, was mit den Altkleidern passiert.

Wie ist das Angebot an Bekleidung? Was und wo kaufen die Menschen ein?
Winter: Nairobi ist eine dynamische Stadt. Wir waren erstaunt, dass sich in Nairobi die Menschen sehr westlich kleiden. Meine Erfahrungen aus Westafrika waren anders. Dort sieht man auch heute noch viele Menschen in traditionellen Gewändern. Ich denke, dass es für die Menschen in Kenia Ausdruck von Modernität und einem gewissem Lebensgefühl ist, westliche Kleidung zu tragen.
Es gibt Boutiquen und Läden, die Ware aus asiatischen Billiglohnländern anbieten. Für die meisten schien dieses Angebot allerdings keine große Rolle zu spielen. Für die meisten Menschen ist klar: wenn „neue“ Sachen gekauft werden, dann kauft man „Mitumba“ – also Gebrauchtes aus Europa oder Amerika. Es ist nichts Anrüchiges dabei und auch keine textile Armenspeisung. Vielmehr ist es vollkommen normal und selbstverständlich. Zum einen, weil die Sachen günstig aber qualitativ meist noch besser sind als die Neuware aus Fernost. Und zum anderen, weil die Mode für die Leute auch eine wichtige Rolle spielt. Sie sagen, da können wir uns gezielt Dinge aussuchen, können nach unserem Geschmack auswählen und tolle Einzelstücke finden. Mindestens zwei drittel der Menschen in Nairobi kaufen daher auf den Mitumba-Märkten ihre Bekleidung.

Sie haben auf dem Gikomba Markt, dem größten Mitumba-Markt in Ostafrika gedreht. Wie muss man sich diesen Markt vorstellen und wer arbeitet dort?
Winter: Der Gikomba Markt liegt abseits des Zentrums in einem eher ärmeren Umfeld und erstreckt sich über eine sehr große Fläche. Die Kleidung wird teilweise auf Planen auf dem Boden ausgelegt, es gibt viele Marktstände aber auch Wühltische wie bei uns im Schlussverkauf. Allein dort sollen zwischen zehn- und zwölftausend Händler arbeiten. Dazu gehören auch die fliegenden Händler, die Altkleider weiter ins Landesinnere transportieren und dort verkaufen, sowie Näherinnen, die vom um- und aufarbeiten leben. Viele Händler sind auf gewisse Artikel spezialisiert – also z.B. T-Shirts, Hosen oder ähnliches. Wir haben auch „Quereinsteiger“ getroffen, die vorher einen „normalen“ Job in einer Behörde oder bei einer Versicherung hatten, sich dann aber auf diesem Altkleidermarkt selbstständig gemacht haben. Das zeigt, dass es auch eine angesehene Beschäftigung ist.
Insgesamt sollen – so wurde uns berichtet - 200.000 Kenianer Geld mit dem Altkleiderhandel verdienen. Unser einheimischer Führer sagte: „Ich esse Mitumba, ich atme Mitumba. Mein Leben ist Mitumba.“ Das trifft das Gefühl der Menschen auf diesem Markt ganz gut.

In Deutschland wird immer wieder behauptet, unser Textilmüll würde nach Afrika exportiert. Haben Sie dort minderwertige Kleidung im Angebot gesehen?
Winter: Wir waren drei Tage auf dem Markt unterwegs und alles, was ich dort gesehen habe, war von guter Qualität. Es ist also definitiv kein Lumpenmarkt. Es gibt wirklich alles in unterschiedlichen Qualitäten, von Gürteln bis Unterwäsche über T-Shirts bis hin zu Anzügen und Designerstücken. Man kann sich für jeden Anlass einkleiden. Die Leute, die dort einkaufen, würden übrigens schlechte Textilien gar nicht kaufen. Die Leute achten sehr genau drauf, dass die Qualität stimmt. Das funktioniert ganz normal nach dem Angebot- und Nachfragesystem.

Wie läuft der Altkleiderhandel konkret ab?
Winter: Die afrikanischen Großhändler kommen z.b. nach Deutschland und schauen sich an, welche Waren und Qualitäten der europäische Sortierbetrieb liefern kann. Sie bestellen einen Mix von Bekleidung, von dem sie glauben, dass es sich dem Bedarf entsprechend gut verkaufen lässt. Die bestellten Textilien werden im Container per Schiff nach Mombasa gebracht und von dort per LKW nach Nairobi transportiert. Die Entladung der Container wird von Tagelöhnern erledigt. Das ist zwar schwere körperliche Arbeit, aber für viele Menschen dort eine willkommene Gelegenheit Geld zu verdienen.

Wie geht es dann weiter, wenn die Ballen im Lager des Großhändlers angekommen sind?
Winter: Der Weiterverkauf der Ballen an die Markthändler ist zu einem Großteil in der Hand von Frauen, den sog. Mamas. Sie sind entweder bei einem Großhändler angestellt oder selbst Unternehmerinnen. Überhaupt verdienen auf dem Mitumba-Markt zahlreiche Frauen als Händlerin, Näherin etc. ihr Einkommen.
Die verkauften Ballen werden per Lastkarren vom Großhändler zum Stand des Händlers gebracht. Neben dem Transporteur der Ballen verdienen übrigens auch die Menschen in den sog. Werkstätten ein Einkommen mit dem Altkleiderhandel. Sie bereiten Stücke auf oder nähen sie um. Es werden auch T-Shirts neu bedruckt oder geändert. Letztlich landet alles dann im Verkauf.

Haben Sie auch Probleme beim Altkleiderhandel beobachtet?
Winter: Es ist teilweise schon schwere körperliche Arbeit, die dort geleistet wird. Das sind Arbeiten dabei, die bei uns mit Gabelstaplern erledigt werden. Zudem basiert das Geschäft bis zum Händler weitestgehend auf Vertrauen, denn die Klamotten sind ja fest im Ballen verpackt. Uns ist in diesem Zusammenhang durchaus von Überraschungen und Enttäuschungen berichtet worden.
Es war aber überraschend, dass wir eigentlich kaum kritische Stimmen gehört haben. In der Wahrnehmung dort vor Ort wird der Altkleiderhandel nach meinen Eindrücken insgesamt positiv bewertet.

In der Diskussion in Deutschland wird immer wieder auf die negativen Auswirkungen für die einheimische Bekleidungsindustrie hingewiesen. Wie stehen Sie dazu?
Winter: Natürlich wäre es wünschenswert, dass sich jedes Land selbst mit Bekleidung versorgen könnte. Aber das ist ja utopisch aufgrund der schwierigen Infrastrukturen und der Globalisierung der Textilindustrie. Ich habe auch keine einheimischen Stimmen gehört, die Mitumba als primäre Konkurrenz für die einheimische Industrie gesehen haben. Vielmehr seien chinesische Billigwaren die direkte Konkurrenz. Letztlich ist dieser Altkleiderhandel eine Form selbstbestimmten Wirtschaftens.

Das Interview ist im Magazin Brauchbar 2013 erschienen

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