Aus deutschen Schränken in alle Welt

Neben dem Verkauf in deutschen oder westeuropäischen Secondhand-Läden wird ein großer Teil der Secondhand-Bekleidung nach Osteuropa oder Afrika verkauft. Diese Gebrauchtkleiderexporte werden in Deutschland seit 15 Jahren immer wieder kontrovers diskutiert. Dabei geht es vor allem um die Auswirkungen der Exporte auf lokale Industrien und Wirtschaftskreisläufe in den Importländern. Die afrikanischen Staaten südlich der Sahara stehen dabei seit langem im Fokus, da sie große Mengen an Secondhand-Kleidung aus Europa importieren. FairWertung hat daher ein mehrjähriges Dialogprogramm „Gebrauchtkleidung in Afrika“ (2003 bis 2005) initiiert, um mehr über die Situation in den afrikanischen Importländern und die Sichtweisen der direkt Betroffenen zu erfahren. Anders als erwartet kritisierten die meisten Gesprächspartner/-innen den Import von Gebrauchtkleidung nicht grundsätzlich. Denn für viele Menschen mit geringem Einkommen ist Secondhand-Kleidung die einzige und preisgünstigste Möglichkeit, sich mit Kleidung zu versorgen.

Der Internationale Markt für Secondhand-Bekleidung
Dem wachsenden Kleiderberg in Deutschland und Westeuropa steht eine weltweit steigende Nachfrage nach Gebrauchtkleidung gegenüber. Dies ist vor allem in Ländern der Fall, deren Bevölkerung nur über geringe Kaufkraft verfügt. Hierzu gehören Osteuropa, der Mittlere Osten, Mittelasien sowie der afrikanische Kontinent.
Großhändler und Importeure kaufen Textilien entsprechend dem lokalen Bedarf du der aktuellen Nachfrage bei gewerblichen Sortierbetrieben in Europa ein. Über weit verzweigte Handelsketten gelangt die Secondhand-Kleidung von den Hafenstädten bis auf die lokalen Märkte.

Straßenhändlerin in Tanzania
Straßenhändlerin in Tanzania

Eine lange Wertschöpfungskette
Ausgehend von den großen Küstenstädten entsteht in den Importländern eine lange Handels- Wertschöpfungskette. Viele Menschen bestreiten mit Gebrauchtkleidung ihren Lebensunterhalt. Der Secondhand-Handel bietet besonders Frauen und jungen Menschen mit geringer Qualifikation eine Verdienstmöglichkeit. Sie verdienen ihr Einkommen mit dem Transport, als selbstständige Händler auf den Märkten oder als Schneiderinnen und Schneider, die Secondhand-Kleidung nach Kundenwünschen umarbeiten. Vielfach dient Secondhand-Kleidung als „Rohmaterial“ für eigene Kreationen.

Gebrauchtkleidung und Neuware - Parallele Märkte
In den meisten afrikanischen Ländern werden sowohl Neutextilien als auch Secondhand-Kleidung angeboten. Die Neukleidung stammt dabei - ähnlich wie in den Industrieländern - vor allem aus Asien. Sie enthält allerdings häufig einen hohen Kunstfaseranteil und ist daher für die klimatischen Bedingungen nicht gut geeignet. Zudem beklagten Gesprächspartner/-innen immer wieder die geringe Qualität und Haltbarkeit der Bekleidung. Daher ist für viele Menschen Secondhand-Kleidung die beste und preisgünstigste Möglichkeit, sich mit qualitativ guter und modischer Kleidung zu versorgen. In vielen Ländern ist zudem ein Wandel der Bekleidungsgewohnheiten zu beobachten. Die Medien (Fernsehen, Zeitschriften, Internet), aber auch das Angebot an Gebrauchtkleidung selbst haben dabei einen großen Einfluss. Auch in afrikanischen Ländern spielen Modeaspekte daher eine immer größere Rolle. Secondhand-Kleidung bietet eine Möglichkeit, auch bei begrenztem Budget an Modeentwicklungen teilzuhaben. Während im Alltag Secondhand-Kleidung getragen wird, hat traditionelle Kleidung z.B. bei feierlichen Anlässen weiterhin ihren Platz.

Die Situation der heimischen Bekleidungsindustrie
Kaum ein Markt ist derart globalisiert wie die Bekleidungsbranche. Die Fabriken stehen vor allem dort, wo die Löhne niedrig sind und hohe Stückzahlen in kurzer Zeit produziert werden können. Heute dominiert so in vielen Ländern Bekleidung aus Asien das Angebot. Dies ist in afrikanischen Ländern nicht anders. Auch in verschiedenen afrikanischen Ländern wird, zumeist in „Freien Produktionszonen“ Bekleidung produziert. Allerdings für den Export nach Europa oder die USA und nicht für den heimischen Massenmarkt. Es gibt allerdings Fabriken, die gezielt für Nischenmärkte produzieren, so zum Beispiel Schuluniformen. Aus entwicklungspolitischer Sicht wäre es sicher wünschenswert, wenigstens in Teilmärkten eine eigene Textil- und Bekleidungsindustrie zu etablieren, um den Vorteil niedriger Produktionskosten und kurzer Wege zum Rohstoff Baumwolle zu nutzen und eine regionale Wertschöpfungskette in der Produktion aufzubauen. Allerdings hat sich die Bekleidungsindustrie in vielen Ländern als nicht konkurrenzfähig gegenüber den asiatischen Produzenten auf dem Weltmarkt erwiesen. Die heimische afrikanische Produktion wird durch mangelhaften Zugang zu Kapital und Know-how sowie ungünstige Rahmenbedingungen wie zum Beispiel häufige Stromausfälle oder fehlende Ersatzteile insgesamt gehemmt.
Die Annahme, geringere Gebrauchtkleiderimporte oder gar ihr Stopp würde automatisch einen (Wieder-) Aufbau der heimischen Textilproduktion in den Importländern bewirken oder ihn begünstigen, trifft nicht zu. Vielmehr ist davon auszugehen, dass asiatische Neuware das Angebot weiterhin dominieren würde. Nicht zuletzt reicht die Menge an lokal gefertigter Kleidung oft nicht aus, um den Bedarf der Bevölkerung zu decken.

Secondhand-Kleidung schont Ressourcen
Das Tragen von Secondhand-Kleidung verlängert die Lebensdauer von Kleidung und schont damit Ressourcen. Denn vom Rohstoff Baumwolle bis zum fertigen Kleidungsstück fallen weite Transportwege an. Hinzu kommen der hohe Wasser- und Energieverbrauch sowie die Belastung durch Chemikalien. Deshalb ist es wünschenswert, dass die Akzeptanz von Secondhand-Kleidung auch in Industrieländern zunimmt. Die Nutzung von Secondhand-Kleidung ist selbst dann noch ökologisch sinnvoll, wenn sie in andere Kontinente exportiert wird.

Wie in anderen Branchen auch, so sind im Gebrauchtkleiderhandel Praktiken zu beobachten, die sich negativ auf Volkswirtschaften auswirken. Hierzu zählen illegale Einfuhren, zu niedrig oder nicht verzollte Importe, als Hilfsgut deklarierte Handelsware sowie Schmuggel und Korruption. Diese Praktiken bedrohen Gebrauchtkleiderhändler, Schneider und Textilfabrikanten gleichermaßen. Sie sind jedoch kein generelles Argument gegen den Handel mit Secondhand-Kleidung. Es ist vielmehr wichtig, die bestehenden Kontrollinstrumente und Standards für den Import anzuwenden und weiter zu entwickeln.

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