Teilen statt Besitzen - Kleiderei in Hamburg

In Deutschland werden ca. 27kg Bekleidung pro Kopf und Jahr gekauft. Die ständig wechselnden Kollektionen und Trends versetzt viele Konsumenten_innen in Stress. In Hamburg gibt es nun eine Alternative zum Dauerkonsum, die ohne Hektik Spaß an der Mode verspricht.

Wie im normalen Laden - nur entspannter
Entspannt sitzen die beiden Inhaberinnen Thekla Wilkening und Pola Fendel auf einer Bank vor der "Kleiderei" in Hamburg-Altona. Im Laden stöbern junge Frauen zwischen Kleidern, Röcken und Blusen, die auf langen Stangen hängen. Eine Auswahl an Schuhen und Accessoires bietet die Möglichkeit, das Outfit zu komplettieren. Es wird munter ausprobiert, anprobiert und kombiniert. Auf den ersten Blick ist alles wie in einem normalen Klamottenladen - nur ein wenig entspannter. Und: Es fehlen die Preisschilder. Denn das besondere an der "Kleiderei" ist, dass die Kleidungsstücke nicht zum Verkauf, sondern lediglich zum Ausleihen angeboten werden.

Seit Ende des letzten Jahres können Frauen gegen einen Monatsbeitrag vier Kleidungsstücke pro Woche ausleihen. Nach spätestens vierzehn Tagen werden die Outfits dann gewaschen und gebügelt wieder zurückgebracht und stehen für die nächste Ausleihe zur Verfügung. Die Kleidung stammt aus den Schränken der beiden Gründerinnen, die das Angebot um Flohmarktstücke und stylische Einzelstücke aus dem Bestand ihres Freundeskreises ergänzt haben. Auf lange Sicht wollen sie möglichst viele Stile und Outfits für die unterschiedlichsten Gelegenheiten anbieten. Gebrauchtes nehmen duie beiden nur eingeschränkt entgegen: „Wir haben begrenzten Platz - das muss schon passen. Aber gut erhaltene Damenbekleidung ist immer willkommen." erklärt Thekla.

Idee aus dem eigenen Kleiderschrank
Die Idee zur "Kleiderei" kam den beiden Fashionistas, als trotz übervollen Kleiderschrank nichts Passendes für den Abend zu finden war. "Wir dachten, dass es einfach praktischer ist, wenn man in solchen Situationen nicht in die Stadt hetzen und Geld für irgendein neues Teil ausgeben muss, das danach nie wieder getragen wird," beschreibt Thekla die Hauptmotivation für die Eröffnung des Ladens. Und Pola ergänzt: „Wir hatten immer Spaß an Mode, aber die Trends wechseln heute so schnell - da ist Leihen einfach die Alternative zu Dauerkonsum."

Trend: Sharing-Economy
Mit ihrer Geschäftsidee "Teilen statt Kaufen" liegt die Kleiderei absolut im Trend. "Gemeinschaftlicher Konsum" oder "Sharing-Economy" nennen die Wissenschaftler dieses Phänomen, das weltweit immer mehr Anhänger_innen findet. Die wohl bekannteste Variante des neuen Lebensstils ist das Car-Sharing, bei dem sich mehrere Menschen ein Auto teilen. Dahinter steht auch das Ziel, den eigenen Konsum nachhaltiger zu gestalten. Auf Komfort und Spaß soll dabei aber nicht verzichtet werden.

Über Hamburgs Grenzen hinaus
Die Idee der beiden Studentinnen scheint in Hamburg gut anzukommen. "Wir sind überrascht von dem großen Interesse und den vielen Leuten, die bei uns vorbeischauen," freuen sich die Jungunternehmerinnen. Der Laden läuft sogar so gut, dass die beiden ins Träumen geraten: „Toll wäre es, wenn wir auch in anderen Städten Kleidereien eröffnen könnten." Dann könne man die Idee "Leihen statt Kaufen" weitere verbreiten und die Läden könnten untereinander Klamotten austauschen.

Auf die Frage, wieso denn nur Frauenbekleidung angeboten werde, müssen Thekla und Pola schmunzeln: „Männer haben doch immer das Richtige zum Anziehen!" Dennoch stellen sie fest, dass Männer immer mehr Interesse an Mode entwickeln. "Wer weiß, vielleicht haben wir bald auch was für Männer," orakeln sie.
Bis es soweit ist, bleibt dem Mann nur, seine Frau in die Kleiderei zu begleiten und ihr bei der Suche nach einem Outfit zu helfen. Den Geldbeutel und die Natur freut der Besuch allemal.

Dieser Artikel ist im Brauchbar 2013 erschienen

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