Upcycling: Alte Kleider auf neuen Wegen

Blumentöpfe aus Disketten, Bücherregale aus Skateboards, Armbänder aus Flip-flops, Gürtel aus Fahrradreifen: Wenn es darum geht, ausgedienten Kleidungsstücken oder Gebrauchsgegenständen neues Leben einzuhauchen, sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Diese Verwandlung von vermeintlichem Müll zu qualitativ hochwertigen Einzelstücken nennt sich Upcycling – ein gesellschaftlicher Trend, der immer mehr Anhänger findet.

Neu ist das Upcycling dabei nicht. In vielen Ländern des Südens wird es seit Jahrzehnten praktiziert: So werden aus alten Autoreifen Schuhsohlen; Blechdosen werden zu Spielzeug und Secondhandpullover zu Babykleidung. Auch in Europa führte die Rohstoffknappheit nach dem zweiten Weltkrieg zu findigen Umnutzungsideen. Doch mit wachsendem Wohlstand geriet diese Praxis weitgehend in Vergessenheit.

Recycling, Upcycling, Downcycling…


verschiedene Upcyclingprodukte

Als in den 1980er Jahren das Bewusstsein für Umwelt und Ressourcenknappheit zunahm, gewann in den Industrieländern das Recycling an Bedeutung. Seither werden verwertbare Abfälle getrennt erfasst und aufgearbeitet. Kommt es dabei zu einer Wertminderung, wird diese Form des Recycling als „Downcycling“ bezeichnet.

Im Gegensatz dazu steht das Konzept des Upcycling. Dabei entsteht durch einen kreativen Arbeitsprozess ein neues Produkt mit veränderten bzw. besseren Eigenschaften. Den Begriff prägte 1994 der deutsche Ingenieur Rainer Pilz: „Er sagte, dass wir Produkten durch Upcycling einen höheren Wert geben müssen“, berichtet Christoff Wiethoff, Gründer von Deutschlands größter Upcycling-Suchmaschine nobrands.

Individuell und ökologisch
Doch Upcycling ist mehr als ein Qualitätsunterschied - es ist auch eine Philosophie, ein Lebensgefühl. „Upcyclingprodukte vereinen zwei wichtige Trends unserer Zeit: Umweltverantwortung und Individualität, sagt Wiethoff. „Dadurch, dass Upcycling aus alten Produkten entsteht, sind alle Stücke Unikate; sie haben eine Geschichte und unterstreichen die Individualität ihrer Besitzer.“
Für Produzent_innen und Konsument_innen spielt auch der Umweltgedanke eine große Rolle: Upcycling spart Rohstoffe und Energie - und vermeidet damit Treibhausgase. Jedes Produkt lebt länger und setzt ein Zeichen - gegen Wegwerfmentalität und Massenkonsum.
„Oft werden beim Upcycling außerdem soziale und ethische Ziele umgesetzt“, ergänzt Wiethoff, dessen täglicher Begleiter eine Notebooktasche aus Zementsäcken ist, die in einem Frauenprojekt in Bangladesh hergestellt wurde. „Sei es, dass die Produktion in Behindertenwerkstätten stattfindet oder aus fairem Handel stammt.“ Upcycling-Mode wendet sich damit auch gegen die negativen sozialen und ökologischen Folgen der konventionellen Textilherstellung.

Ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen: Das ist die Motivation vieler Upcycler. Zwar ist Deutschland neben England ein Vorreiter der Branche. Dennoch nehmen weite Teile der Bevölkerung diese Möglichkeit des nachhaltigen Konsums kaum wahr, so Wiethoff. „Obwohl die kreative Vielfalt der Upcycling-Branche atemberaubend ist.“

Bis es mir vom Leibe fällt
Aus alt mach neu, From trash to treasure, Zweiter Atem, Bis es mir vom Leibe fällt: Die meist kleinen Designateliers und Upcyclingfirmen bemühen sich mit programmatischen Namen um ihre Kund_innen. Manche der kleinen Labels, die aus alter Kleidung individuelle Kreationen entwickeln, arbeiten Gebrauchtes nach den Wünschen der Kund_innen um. In einem Wiener Designladen können Besucher_innen aus Computerchips und Plastikdecken selbst Handtaschen entwerfen. Internetblogs verraten, wie man aus Ausgedientem nützliche Dinge herstellen kann. Und eine internationale Upcycling-Firma zahlt Schulen einen Obolus für das Sammeln von Keksverpackungen, aus denen sie Stiftemäppchen herstellt. Längst haben Upcyclingprodukte auch die Welt der Messen und Laufstege erobert; sie sind auf der Fashion Week in Berlin oder auf der Münchner Fair-Cycle zu sehen, einer Messe für fairen Konsum und nachhaltiges Design.

CariWear: Upcycling aus Leidenschaft


Trainingsanzug für Kinder von CariWear

Neben kleinen Labels und kommerziellen Unternehmen widmen sich auch gemeinnützige Organisationen dem Upcycling – zum Beispiel das Sozialkaufhaus Wertvoll in Düsseldorf, das sich 2007 FairWertung angeschlossen hat.
„Eine Gardine aus den 70er Jahren kann sehr schick sein, sie entspricht aber nicht mehr dem Zeitgeist. Die vielen Textilspenden brachten uns auf die Idee, gut erhaltene Stoffe umzuarbeiten“, erzählt Bettina Stotko, pädagogische und technische Leiterin des Kaufhauses. „Schließlich hauchen wir bei der Caritas schon seit Jahren veralteten Utensilien neues Leben ein.“ Mit ihrem Team hat Bettina Stotko das CariWear-Label ins Leben gerufen. „Wir machen aus löchrigen Tischdecken Fahrradsitzbezüge oder Kittel; triste T-Shirts peppen wir mit selbst gemachten Applikationen oder Knöpfen auf“, erzählt die Caritas-Mitarbeiterin, die nur selten ohne ihr Kulturtäschchen aus Schwimmflügeln aus dem Haus geht.
Ihre Upcyclingideen setzen die Frauen während ihrer Arbeitszeit im Kaufhaus um. Zwei der drei Näherinnen sind ehemalige Langzeitarbeitslose und werden durch das Jobcenter gefördert. „Nach der langen Erwerbslosigkeit fühlen sie sich wieder ernst genommen und können etwas Sinnstiftendes tun“, berichtet Bettina Stotko.

Die Kreationen mit dem CariWear Logo werden ausschließlich im Sozialkaufhaus verkauft. Alle Einnahmen fließen zurück in die Einrichtung. Die Preise würdigen die getane Arbeit, bleiben aber moderat: „Taschen liegen zwischen 5 und 8 Euro, Schmuck zwischen 3,50 und 8 Euro“, so Frau Stotko, die selbst Schmuck und T-Shirts aus eigener Herstellung trägt – darunter einen Ring aus einer verbrauchten Nespresso-Kapsel. „Ich stehe zu unseren Produkten und werde oft deswegen angesprochen.“ Im Sozialkaufhaus suchen die meisten Kundinnen ihre Kleidung allerdings nach praktischem Nutzen aus. „Stil oder Umweltschutz spielen bei der Kaufentscheidung kaum eine Rolle. Aber wir arbeiten daran, dass unsere Waren künftig noch mehr Menschen begeistern.“

Ideenbörse Herford


Regal FRANK der Recyclingbörse Herford

„Unser Bestseller gehört zu den meistverkauften Upcycling-Produkten Deutschlands“, berichtet Claudio Vendramin, Geschäftsführer der Recyclingbörse Herford. „Es ist der Regalwürfel Frank. Wir haben ihn bis heute 25.000 mal verkauft.“ Die Recyclingbörse Herford, ebenfalls FairWertung angeschlossen, gibt Möbel, Kleidung, Bücher und Haushaltsgegenstände zu niedrigen Preisen an Menschen mit kleinem Geldbeutel weiter. In der hauseigenen Holzwerkstatt entwirft ein selbständiger Designer aus unbrauchbarem Altholz neue Möbel.
An der Produktion des Regalwürfels Frank beteiligen sich inzwischen auch Upcycling-Initiativen aus Hagen und Mönchengladbach. Er wird besonders übers Internet bestellt - genau wie andere Upcyclingprodukte der Recyclingbörse. Viele Kunden schätzen Möbelstücke mit Geschichte, so Vendramin, der sich jeden Tag über die persönliche Bindung zu seinem eigenen Regal freut. „Meine Mutter hatte einen knallgelben 70er-Jahre-Monsterschrank. Da sind 13 Franks draus geworden, die jetzt mein Zimmer zieren“, erzählt er.

Weil die Recyclingbörse immer wieder nach neuen Upcyclingideen sucht, hat sie den Recycling-Design-Preis ausgeschrieben. Zwischen sechs- und achthundert nationale und internationale Entwürfe sichtet eine Jury aus Upcyclingfachleuten pro Jahr. „Bei der Preisvergabe zählen Originalität, Verfügbarkeit der Rohstoffe und Produzierbarkeit“, so Vendramin. Drei der Entwürfe erhalten einen Preis – und werden gemeinsam mit 30 weiteren ausgewählten Ideen in verschiedenen deutschen Städten ausgestellt. Die besten Kreationen der letzten Jahre hat die Recyclingbörse außerdem in einem Buch veröffentlicht .

Selbst upcyceln – aber wie?
Was müssen gemeinnützige Organisationen bedenken, wenn sie Upcycling betreiben wollen? „Wichtig ist, eine Nische zu finden. Das erleichtert die Positionierung und hilft beim erfolgreichen Vertrieb“, meint Christoff Wiethoff. „Man sollte sich zunächst einen Überblick über den Markt verschaffen, denn auch beim Upcycling gibt es in manchen Bereichen ein Überangebot.“ Planung und Kreativität sind also gefragt, wenn es darum geht, ein Upcycling-Projekt aufzubauen. Unterstützung kann auch bei örtlichen Schneider_innen und Bildungseinrichtungen wie Universitäten oder Fachhochschulen gesucht werden.
Großes Gewicht sollten künftige Upcycler auf das Marketing legen, betont Experte Wiethoff. Dazu bedarf es in Zeiten des Internets nicht unbedingt eines großen Budgets. Eine Hilfe bieten zum Beispiel kostenlose Webportale. „Man sollte seine Produkte auch auf Social Media-Plattformen vorstellen – mit einem Link auf den eigenen Shop“, so Wiethoff.

„Upcycling“ eröffnet demnach auch gemeinnützigen Organisationen viele Möglichkeiten, sich ein neues Arbeitsfeld zu erschließen und originelle Produkte anzubieten. Zwar werden durch Upcycling weder Klimawandel noch Wachstumsglaube gestoppt – dennoch trägt diese Form der Um- und Weiternutzung dazu bei, nachhaltiges Konsumverhalten zu fördern.

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