Von Lumpen, Hadern und Sortierern

Textilrecycling ist eines der ältesten Verfahren, Rohstoffe erneut zu verwerten. Bereits im alten China stellte man Papier aus alten Kleidungsstücken her. Die Technik, Textilien zu wiederverwertbaren Fasern zu reißen, kam im 12. Jahrhundert nach Europa. Bis zu dieser Zeit schrieb man hier noch auf Pergament. Das kostbare Material wurde immer wieder abgeschabt, um es mehrmals beschreiben zu können. Erst die Technik der Papierherstellung aus Lumpen änderte dies.

Begehrter Rohstoff für den Buchdruck
Anfang des 15. Jahrhunderts wuchs mit der Erfindung des Buchdrucks die Nachfrage nach Papier rasant. Und damit auch nach Lumpen. Sie waren zeitweise so begehrt, dass es für sie sogar ein Exportverbot gab. Es entstanden zahlreiche Papiermühlen. Jede von ihnen hatte das Recht auf einen Sammelbezirk, für den ein Lumpensammler zuständig war. Sie zogen mit ihren Holzkarren von Tür zu Tür, um im Tausch gegen Tassen, Becher und sonstige Gebrauchsgüter Altkleider zu sammeln. So breitete sich der gewerbliche Lumpenhandel rasch in Mitteleuropa aus. Bis ins 19. Jahrhundert versorgten die Lumpenhändler die vielen Papiermühlen mit Rohstoffen, bis schließlich Holzschliff und Zellulose zum Einsatz kamen.
Eine weitere Blüte erlebte das Textilrecycling nach dem zweiten Weltkrieg. Denn Primärrohstoffe waren damals knapp. Da es aber keine Alttextilien gab, organisierten die Westmächte sogar deren Import.
Bis zu Beginn der 1950er Jahre wurden textile Rohstoffe auf Hochpreisniveau gehandelt. Denn auch in der Automobil- und Maschinenindustrie waren Putzlappen aus Alttextilien zunehmend gefragt. Doch schon Mitte der 50er Jahre änderte sich die Situation: Sinkende Preise für Primärrohstoffe und steigende Löhne führten dazu, dass viele Reißereien in Deutschland schließen mussten. Ebenso viele Tuchfabriken. Die Faserrückgewinnung verlagerte sich ins Ausland

Vom Rohstoff zur gefragten Secondhand-Ware
Die Reißspinnstoffindustrie setzte nun vermehrt auf Industriewatte und Polsterwolle. Zudem produzierte die Textilindustrie zunehmend synthetische Mischgewebe, die nur bedingt wiederverwertbar waren. Die Nachfrage nach Recyclingmaterialien war entsprechend stark rückläufig. Die Preise für Rohstoffe aus dem Textilrecycling verfielen, so dass die Arbeitskosten für das Aussortieren der Recyclinganteile sich erstmals nicht mehr decken ließen. Zeitgleich verschwand der Lumpensammler allmählich aus dem Straßenbild.
Ursprünglich in erster Linie als Rohstoff genutzt, begann in den 1960er Jahren die Nutzung von Gebrauchttextilien als Secondhand-Kleidung. Unternehmen aus den Niederlanden kauften damals deutsche Gebrauchtkleidung im großen Stil auf, um sie in den niederländischen Kolonien als Secondhand-Kleidung zu verkaufen. Die Folge war ein schwindendes Angebot an gebrauchten Textilien in Deutschland und damit verbunden steigende Preise für die Sammelware. In dieser Situation gingen viele deutsche Sortierbetriebe dazu über, gebrauchte Kleidung selbst zu erfassen und weltweit zu verkaufen. Um mehr Textilien sammeln zu können, entstanden gezielt Kooperationen mit karitativen Organisationen. Denn mit wachsendem Wohlstand nahm auch die Menge an gebrauchten Textilien stetig zu.
Parallel dazu stieg auch die weltweite Nachfrage nach Gebrauchtkleidung. Heute ist daher die Vermarktung von Secondhand-Kleidung das Hauptgeschäft der Sortierbetriebe. Der Weiterverkauf von Recyclingmaterialien ist hingegen nur noch ein schlecht bezahltes Nebengeschäft.

Sortierung wandert ab
In den vergangenen 15 Jahren hat sich der Textilrecyclingmarkt noch in anderer Hinsicht verändert. Bis Anfang der 1990er Jahre sortierte man überwiegend dort, wo die Kleidung auch gesammelt wurde, nämlich in Deutschland und Westeuropa. Nach der Öffnung Osteuropas sind dort nach und nach Sortierbetriebe entstanden. Außerdem förderten Länder wie Tunesien, Dubai und die Türkei die Ansiedlung von Sortierbetrieben ganz gezielt mit Steuervorteilen, um so Arbeitsplätze zu schaffen.
Da ost- und außereuropäische Sortierbetriebe aufgrund der niedrigeren Lohn kosten in der Regel höhere Ankaufpreise zahlen können als westeuropäische Betriebe, fließt Originalsammelware zunehmend aus Deutschland ins Ausland ab. Der Konkurrenzdruck für deutsche und westeuropäische Sortierbetriebe nimmt damit immer weiter zu.

Dieser Beitrag ist im Magazin Brauchbar 2009 erschienen

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