Ein Jahr aus zweiter Hand

365 Tage in Secondhand-Kleidung – ein Selbstversuch: Diesen Titel trägt der Blog von Hindi Kiflai, freie Hörfunkjournalistin beim Hessischen Rundfunk. Die Bloggerin zeigte in 2015, wie es funktioniert, auch als Modeliebhaberin ohne Kleidung aus erster Hand zu leben. Wir hatten vor dem Experiment mit ihr über die Beweggründe und die Hintergründe gesprochen. Ein Interview.

Woher stammt die Idee, ein Jahr in Secondhandkleidung zu verbringen?

Ich habe mich eines Nachts im Urlaub dabei ertappt, wie ich schon wieder bei einem online-Shoppingportal einkaufte. Vermeintlich brauchte ich das Kleidungsstück ganz dringend und es
war ganz günstig und nur für ganz kurze Zeit zu haben. Da habe ich mich vor mir selbst erschrocken und festgestellt: Ich habe das schon zig mal, brauche es nicht und falle doch wieder und
wieder auf diese „Das-brauchst-du-jetztunbedingt“-Marketing- und Werbestrategie herein. Darauf hatte ich keine Lust mehr. Da kam die Idee zu testen, wie es ist, nur in Secondhand-Mode eingekleidet zu sein. Bei meinen Recherchen war mir vor allem Kirsten Brodde von Greenpeace eine Hilfe. Von ihr weiß ich, dass wir 40% der Kleidung, die in unseren Schränken hängt, nicht tragen.

Welche Rolle spielte Secondhand bisher in Deinem Leben?

Secondhand war mir immer schon wichtig. Es ist eine Quelle für ausgefallene Mode und mein Zugang zu Designer-Kleidung, die ich mir sonst nicht leisten kann.

Was willst Du mit Deinem Blog erreichen?

Ziel meines Selbstversuchs ist es, junge Menschen in puncto Mode ein klein wenig für Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. Ich möchte modeinteressierte junge Menschen ansprechen. Es ist möglich, sich relativ günstig in Secondhandmode einzukleiden, dabei trendy zu sein und in Sachen Herstellung und Nachhaltigkeit ein gutes Gewissen zu haben. Nachhaltige Mode muss weder teuer noch hässlich sein. Secondhand-Mode ist cool, individuell und stylish. Mit dem Blog und den Fotos gebe ich einen Einblick in eine Nische der Modewelt, die eine Alternative zum schnellen Konsum bei Primark und Co. darstellt.

Wie viele Läden besuchst Du, um „100 Prozent Secondhand“ zu sein?

Ich arbeite mit Oxfam zusammen - sonst könnte ich das gar nicht stemmen. Ich gehe wöchentlich in einen der drei Läden hier in Frankfurt. Außerdem gibt es noch ein, zwei befreundete Secondhand-Läden, in denen ich stöbere. Aber bitte nicht vergessen: Mein Leben geht normal weiter. Ich gehe täglich arbeiten und versuche, mich mit Freunden und Familie
zu treffen. Ich bin nicht den ganzen Tag mit Klamotten beschäftigt. Und mit meinem Blog verbringe ich täglich zwischen 20 und 60 Minuten.

Fällst Du auf, seitdem Du ausschließlich Secondhand trägst?

Ja, aber nicht mehr oder weniger als vorher. Natürlich fällt es den Nachbarn auf, dass ich morgens vorm Haus Fotos mache...

Was ist Dein Lieblingsteil?

Aktuell meine Blumenleggins. Die ist so schön sommerlich und passt damit gut in die Jahreszeit.

Was macht Dir am meisten Spaß an Deinem Projekt „Daily Rewind“?

Die Vielfalt der Stile und Outfits, die ich zeigen kann.

Sind hochwertige Secondhandstücke wirklich billiger als die Fast-fashion-Mode aus erster Hand?

Nein, nicht immer. Das kommt darauf an, wo man sie kauft. In der Regel wollen am Seconhandverkauf zwei Leute mitverdienen: Ladenbesitzer_innen und Kleidungsbesitzer_innen. Da ist ein Rock bei H&M oft billiger. Es bleibt allerdings offen, ob er qualitativ gleichwertig ist.

Vermisst Du es, neue Kleidung zu kaufen?

Nein, ich vermisse es überhaupt nicht. Ich habe Spaß an der Schatzsuche und weiß: Ich kann jeden vermeintlichen Trend auch in Secondhand-Läden finden.

Wirst Du mit Secondhandmode weitermachen, wenn Dein SH-Jahr vorbei ist?

Ich möchte dieses Jahr gesund überstehen - wer weiß schon, was morgen ist (lacht). Aber grundsätzlich habe ich große Freude an Secondhand-Kleidung.

Wie schätzt Du die Zukunft von Secondhand-Mode in Deutschland ein?

Meiner Ansicht nach ist das der Markt der Zukunft.

Was hältst Du vom Verkauf europäischer Secondhand-Mode in afrikanischen Ländern?

Ich finde es schwierig, darüber zu urteilen. Diesen Markt gibt es schon sehr lange, und um ihn zu verdammen oder gut zu finden, bin ich nicht informiert genug. Es gefällt mir aber überhaupt
nicht, wenn Leute irregeführt werden. Das heißt: Wenn ich glaube, ich tue was Gutes, wenn ich meine alten Klamotten in einen Container gebe, dieser jedoch von einer dubiosen Firma betrieben wird, die die Klamotten dann kiloweise verkauft. Mir ist Transparenz in diesem Fall sehr wichtig. Ich finde, die Leute sollten nicht hintergangen werden mit falschen Hilfeaufrufen.

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