Günstig geht auch sozial!

Die besondere Atmosphäre, eine gute Stimmung und Dinge, die einzigartig sind: All das macht den Charme unserer Secondhandkaufhäuser aus“, meint Ingrid Stoll, die Fachbereichsleiterin Arbeit, Bildung & Soziales im Frauenunternehmen ZORA in Stuttgart. ZORA berät Frauen, bildet sie aus und bietet ihnen Arbeitschancen in drei Secondhandkaufhäusern im Stuttgarter Osten. Die Nachfrage nach qualitativ guter und günstiger Bekleidung ist in den letzten Jahren bundesweit gestiegen. Und so gibt es mittlerweile in fast jedem größeren Ort in Deutschland Secondhandkaufhäuser gemeinnütziger Organisationen. Dabei sind nicht nur Menschen mit geringem Einkommen die Zielgruppe der Kleiderläden, sondern vermehrt auch umweltbewusste Menschen, die mit ihrem Konsumverhalten ein Zeichen gegen den immer weiter ausufernden Kleiderkonsum setzen möchten.

Secondhand als zweite Chance
Gemeinnützige Secondhandläden bieten nicht nur preisgünstige Kleidung an; sie ermöglichen Menschen in schwierigen persönlichen Lebenslagen Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. „Als wir die Kaufhäuser gründeten, hatten wir zwei wichtige Ziele: Wir wollten nachhaltige und günstige Einkaufsmöglichkeiten bieten und wohnungslose Frauen sinnvoll beschäftigen“, erzählt Ingrid Stoll. Heute arbeiten etwa hundert „Maßnahmeteilnehmerinnen“ in den Kaufhäusern von ZORA. „Für viele Frauen ist dies ein Ausweg aus der Isolation“, sagt Ingrid Stoll. „Sie werden gebraucht, haben Erfolgserlebnisse, finden Hilfe bei Problemen – und wir unterstützen sie auf ihrem beruflichen Weg.“ Um vom Jobcenter als Beschäftigungsmaßnahme anerkannt und gefördert zu werden, mussten die Kaufhausgründerinnen zunächst nachweisen, dass ZORA gemeinnützig ist. „Außerdem brauchten wir eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der IHK“, so Ingrid Stoll. Eine Konkurrenz zu den herkömmlichen dürfen die Kaufhäuser nämlich nicht darstellen.

Verkauf im Kaufhaus des Frauenunternehmens ZORA
Verkauf und Beratung im Kaufhaus des Frauenunternehmens ZORA

So ist ein zentraler Aspekt der Arbeit die pädagogische Betreuung der Teilnehmerinnen. Jede Beschäftigte bei ZORA wird von den Leiterinnen nach einem individuellen Qualifizierungsplan angelernt und mit den Herausforderungen eines Secondhandkaufhauses vertraut gemacht. Weil die gemeinnützigen Ladenbetreiber ausschließlich mit gespendeten Textilien arbeiten, haben sie keinen Einfluss auf die Qualität der Ware. Trotzdem muss ein qualitativ gutes Angebot in den Läden angeboten werden. „Es ist wichtig, gezielt aus der Fülle der gespendeten Kleidung auszuwählen, damit sie den Bedürfnissen unserer Kundinnen entspricht“, erzählt Ingrid Stoll. Jede Kleiderspende wird im Laden auf Qualität und Verwendbarkeit geprüft und für den Verkauf aufbereitet. Besonders am Herzen liegt den Betreiberinnen die helle und großzügige Gestaltung der Räume - damit die Kleidung ansprechend präsentiert werden kann und Vorbeigehende sich eingeladen fühlen, einzutreten.

Kleidsames fürs Berufsleben
Ein geschmackvolles Ambiente ist auch kleidsam-Leiterin Julia Boiger wichtig. Die drei Secondhandläden, die zu kleidsam gehören, bieten hochwertige Mode für Frauen und Kinder. Mit ihren Räumlichkeiten in einer wohlhabenden Gegend von München wollte die evangelische diakonia neue Wege gehen und zudem Arbeitsmöglichkeiten für Frauen schaffen. So entstand unter anderem ein Geschäft mit Kleidung und Accessoires für die berufstätige Frau. Hier liegen die Preise zwischen 9,00 und 300,00 Euro – aber der Grundgedanke ist der gleiche wie bei günstigeren Läden: „Wir wollen Menschen die Möglichkeit geben, ökologisch zu handeln und ihr Geld in Arbeitplätze vor Ort zu stecken“, sagt Julia Boiger. Dreißig Frauen, die wegen psycho-sozialer Schwierigkeiten lange Zeit arbeitslos waren, sind heute bei kleidsam als Verkäuferinnen beschäftigt. Damit der Laden läuft, kommt es besonders auf Marketing und Service an: „Es ist wichtig, Trends zu erkennen und die Käuferinnen über guten Service zu binden“, meint Julia Boiger „Wir haben viele begeisterte Kundinnen und Kunden, die bewusst bei uns einkaufen und oft auch selbst spenden.“

Secondhandkaufhäuser – ein Modell mit Zukunft?
Unbedingt, meint Julia Boiger. „Ich denke, dass wir weiter wachsen. Seit den Skandalen und Tragödien in den Textillfabriken beobachten wir ein Umdenken. Die Menschen haben es satt, dass viele Modeketten auf Kosten der Arbeiterinnen Profite machen.“

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