Stellungnahme zum Film "Die Altkleiderlüge"

Der Film „Die Altkleiderlüge“ (Erstausstrahlung am 04.11.2011) hat die Diskussion um die Auswirkungen von Altkleiderexporten nach Afrika neu entfacht. Vielfach wird die Reportage in den sozialen Medien kommentiert und geteilt. Allerdings wiederholt Die Altkleiderlüge lediglich unverändert die bereits 1994 veröffentlichte These von der Zerstörung der einheimischen Textilindustrie durch Altkleiderimporte, ohne dafür (neue) schlüssige Belege zu liefern.

Der Autor behauptet u.a., dass allein wegen der Gebrauchtkleiderimporte in Tansania 80.000 Arbeitsplätze in der Textilindustrie verloren gegangen seien. Diesem monokausalen Erklärungsansatz wird aber seit langem widersprochen - sowohl in Studien als auch von Vertretern und Experten aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Sie sehen den Hauptgrund für den Niedergang der Textil- und Bekleidungsindustrie in der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit und den Standortnachteilen der heimischen Produzenten begründet. Daher würde eine Importbeschränkung oder gar ein Importstopp für Altkleider nicht automatisch einen Aufschwung für lokale Textilproduzenten bedeuten, wie der Film suggeriert. Viel wahrscheinlicher ist, dass in diesem Fall zu einer Ausweitung des Angebots an asiatischen Neutextilien käme. Weiterhin verschweigt der Film, dass inzwischen viele Menschen, vor allem Frauen, vom Handel mit oder der Verarbeitung von Altkleidern leben. In Kenias Hauptstadt Nairobi arbeiten allein auf dem „Gikomba-Market“ für Secondhand-Bekleidung über 10. 000 Personen. In Tansania wird die Anzahl der Menschen im Altkleidergeschäft auf mehrere hunderttausend Menschen geschätzt.

Auch das von FairWertung initiierte „Dialogprogramm Gebrauchtkleidung in Afrika“ brachte das Ergebnis, dass der Import von Secondhand-Kleidung von den Menschen ganz überwiegend nicht abgelehnt, sondern befürwortet wird. Häufig wurde geäußert: „Wir möchten gute Qualität zu einem fairen Preis“. Für viele Menschen sind Altkleider demnach die beste Möglichkeit, sich preisgünstig mit Bekleidung von guter Qualität auszustatten. Weitere Studien stützen die Ergebnisse des „Dialogprogramm Gebrauchtkleidung in Afrika“ in seinen Kernaussagen (Thesen Dialogprogramm).

Insgesamt arbeitet der Film "Die Altkleiderlüge" sehr tendenziös und subtil mit emotionalen Begriffen und Bildern. So zeigt der Film z.B. einige Schneiderinnen auf dem Markt, die Altkleider zu Secondhand-Kleidung umnähen und verkaufen. Der Filmkommentar: „Die Frauen schuften im Akkord für weniger als 80 Euro im Monat.“ Der Begriff „schuftet“ soll hier wohl Ausbeutung suggerieren – tatsächlich würden die Schneiderinnen in diesem Fall aber mehr als das Doppelte des Durchschnittseinkommens der tansanischen Bevölkerung verdienen. Und was genau machen die Schneiderinnen? „Sie ändern XXL-Hosen auf afrikanisches Hungerformat“ so der Filmkommentar – er übergeht dabei völlig, dass hier die Altkleider die Stoffbasis für die Schneiderinnen sind.

Die Chance zu einer ernsthaften Auseinandersetzungen und Aufklärung bleibt daher leider ungenutzt. Letztlich entsteht der Eindruck, dass es dem Autor lediglich um eine Skandalisierung und wenig um echte Hintergründe ging. Denn der Autor kommt nicht über das Niveau des Boulevardjournalismus hinaus.

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