Ein Blick zurück - 15 Jahre FairWertung

Der Dachverband FairWertung hat sich in den vergangenen Jahren engagiert für das faire und transparente Sammeln und Vermarkten von gebrauchter Kleidung eingesetzt. Positive wie negative Erfahrungen haben seine Kompetenz geschärft, sodass er heute seinen festen Platz im Marktgeschehen der Gebrauchttextilbranche hat.

Kleidersammlungen: Jeder kennt sie, fast jeder nutzt sie. Doch auf die Frage: „Was passiert eigentlich mit meiner Kleidung, wenn ich sie in eine Sammlung gebe?“ konnten lange Zeit auch viele gemeinnützige Organisationen keine verlässliche Antwort geben. Kleidersammlungen dienten für sie in erster Linie dazu, ihre eigene soziale Arbeit oder aber Entwicklungsprojekte mit den Verkaufserlösen der Textilien zu finanzieren. Die Frage, was mit der Kleidung nach dem Verkauf an Recyclingfirmen geschieht, stellten sich die meisten Sammler lange Zeit nicht.
Als 1994 erstmals Fakten über Menge und Verbleib der in Deutschland gesammelten Kleidung in einer Studie des kirchennahen Instituts SÜDWIND aus Siegburg veröffentlicht wurden, war das Erstaunen groß: „Kaum jemand wusste bis zu diesem Zeitpunkt, dass der größte Teil der Secondhand-Kleidung in afrikanische oder osteuropäische Länder exportiert und auf den dortigen Märkten verkauft wird“, beschreibt Agnes Schnieders, Gründungsmitglied des Dachverbandes FairWertung e.V., die damalige Situation. SÜDWIND wies zudem auf mögliche problematische Folgen des Gebrauchtkleiderhandels für die Wirtschaft in den afrikanischen Importländern hin. „Damit kam erstmals die entwicklungspolitische Dimension von Kleidersammlungen ins Blickfeld“, so Schnieders. Gleichzeitig wurden die Sammelorganisationen mit ihrer Rolle und Verantwortung in diesem globalen Markt konfrontiert.

FairWertung baut auf Transparenz
Das war der entscheidende Impuls für einige gemeinnützige Einrichtungen, neue Wege zu beschreiten. Die an der Gründung des Dachverbandes FairWertung beteiligten Organisationen steckten sich mehrere hohe Ziele: „Wir wollten nicht länger nur „Rohstofflieferant“ für die Recyclingbranche sein und damit Spielball in einem undurchschaubaren Markt“, sagt Schnieders. „Es ging uns damals vor allem darum, Einfluss nehmen zu können, zu informieren und mitzugestalten. Und wir wollten die vermuteten negativen Auswirkungen von Gebrauchtkleiderexporten nach Afrika durch eine freiwillige Exportbeschränkung begrenzen.“ Während Presse und Verbraucherverbände die Arbeit von FairWertung wohlwollend verfolgten, stieß sie in der Gebrauchttextilbranche auf erbitterten Widerstand. In einem bis dahin weitgehend undurchsichtigen Markt tauschten sich Sammler nun über Preise und Vermarktungspraktiken aus und erkundigten sich nach dem Verbleib der Ware. Die Alttextilbranche reagierte dementsprechend heftig. Jahrelang sah sich FairWertung offenen Angriffen oder aber verdeckten Diffamierungen ausgesetzt. Andreas Voget, Geschäftsführer des Dachverbandes FairWertung, erinnert sich: „Das ging so weit, dass wir in Leserbriefen an Zeitungen als „Schwindelunternehmen“ verunglimpft wurden. Sammelorganisationen und Kommunalverwaltungen erhielten sogar Dossiers, die sie davor warnten, mit uns zusammen zu arbeiten.“ Organisationen, die sich dennoch trauten, Kontakt zu FairWertung aufzunehmen, erhielten dafür erstmals verlässliche Informationen über Zusammenhänge und Preise auf dem Gebrauchtkleidermarkt. Und nicht wenige mussten feststellen, dass sie aufgrund mangelnder Kenntnis und Erfahrung bisher einen (viel) zu niedrigen Preis für ihre Kleidersammlungen erhalten hatten.

Gemeinsam gegen Arbeitslosigkeit
Verantwortlich und fair mit der Ressource Gebrauchtkleidung umzugehen, ist bis heute ein Hauptanliegen von FairWertung. Aber es ging dem Verband von Anfang an auch um soziale Aspekte. Da sich einige der Gründungsmitglieder bereits in Arbeitslosenprojekten engagierten, lag es nahe, Kooperationen mit gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaften aufzubauen und ihnen das Leeren und Warten von Kleidercontainern zu übertragen. „Auf diese Weise entstanden neue Arbeitsfelder für Menschen, die nur schwer auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln sind. Und für die Initiativen ergaben sich darüber hinaus zusätzliche Einnahmequellen“, so das Résumee von Andreas Voget. Mittlerweile ist dieses Modell vielerorts auch von anderen Sammlern übernommen worden. Die Idee hingegen, die gesammelte Kleidung auch durch Beschäftigungsgesellschaften sortieren zu lassen, stellte sich dagegen als nicht realisierbar heraus. Denn dazu sind spezielle Kenntnisse über Sortierkriterien und Absatzmöglichkeiten für Secondhand-Kleidung, Putzlappen und Rohstoffe erforderlich, über die nur langjährig erfahrene „Profis“ verfügen. Außerdem zeigte sich, dass Beschäftigungsprojekte nicht größere Mengen von Textilien auf einem gleich bleibend hohen Qualitätsniveau sortieren können, da durch den häufigen Personalwechsel immer wieder neue Kräfte angelernt werden müssen. Bewährt hat sich jedoch, wenn Secondhand-Läden „Kleinsortierungen“ für den Eigenbedarf unterhalten. Auch Teilnehmende an Qualifizierungsmaßnahmen können dabei gut integriert werden. Ebenso wie in Nähprojekte, die den Läden nicht selten angeschlossen sind. Hier werden schadhafte Textilien ausgebessert oder es entstehen kreative Secondhand-Designer- Textilien.

Nachvollziehbarer und kontrollierter Warenfluss
Neben der praktischen Frage, wie sich das Sammeln und Sortieren der Kleidung sozial gestalten lässt, ging es dem Dachverband vor allem auch darum, klare und nachvollziehbare Regelungen für den Warenfluss zu entwickeln. „Nur so konnten wir dem Anspruch nach Transparenz und Fairness gerecht werden“, ist sich Geschäftsführer Voget sicher. Die bis 2003 praktizierte Exportbeschränkung nach Afrika machte es erforderlich, vertragliche und organisatorische Rahmenbedingungen zu schaffen, um den Weg der gesammelten Textilien und ihre Vermarktung verfolgen zu können. Gemeinsam mit einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft entwickelte der Dachverband ein Nachweissystem für die Sammelmengen und ihre Vermarktung. Voget: „Bis heute müssen sich alle Vertragsfirmen und ebenso die großen Sammelorganisationen an dieses System halten. Ein Buch- oder Wirtschaftsprüfer prüft zudem, ob der geführte Nachweis auch stimmt. Darüber hinaus gibt es einzelbetriebliche Sonderprüfungen.“ FairWertung ist damit bundesweit die einzige Organisation in der Alttextilbranche, die den Warenfluss überprüft und mit Hilfe von Wirtschaftsprüfern in den Betrieben kontrolliert.

Offene und ehrliche Informationspolitik
Die veränderte Einschätzung bei FairWertung in Bezug auf die Auswirkungen von Secondhand-Kleidung in den afrikanischen Importländern führte 2003 zur Abschaffung der „Afrikaquote“, also der selbst auferlegten Exportbeschränkung für Secondhandkleidung. Damit entfiel ein markanter und in der Öffentlichkeit sehr beachteter Baustein des Konzeptes von FairWertung. „Das war zugleich Anlass für uns, ein neues Selbstverständnis zu formulieren, das die Erfahrungen der ersten Jahre berücksichtigte. Ein zentrales Prinzip ist dabei bis heute eine eindeutige Werbung und Öffentlichkeitsarbeit“, sagt Andreas Voget. Das heißt: Träger und Zweck sowie die Verwendung der Kleidung sind bei jeder Sammlung wahrheitsgemäß zu nennen. Leider sieht die Praxis bisher vielfach noch anders aus. Verbraucher/-innen werden dadurch in die Irre geführt, dass bei Sammlungen Gemeinnützigkeit vorgetäuscht und der gewerbliche Hintergrund einer Kleidersammlung verschwiegen oder verschleiert wird. Andreas Voget sieht hier eine weitere wichtige Funktion von FairWertung: „Wir klären über diese Misstände auf und informieren umfassend über den weltweiten Markt für Gebrauchtkleidung sowie die Rolle der Sammelorganisationen in diesem Marktgeschehen. Aber auch die Bedeutung jedes Einzelnen versuchen wir deutlich zu machen. Denn die jährlich wachsenden Berge an Gebrauchtkleidung hängen unmittelbar mit unserem Konsumverhalten zusammen. Weniger, aber qualitativ hochwertige Textilien zu kaufen, wäre hier ein guter Weg“. Neben all dem spielt außerdem entwicklungspolitische Verantwortung für den Verband nach wie vor eine wichtige Rolle. Dazu gehört, die ökologischen und sozialen Folgen von Gebrauchtkleider-Importen zu beobachten. Während man sich in den Anfangsjahren lediglich auf wenige Studien zu diesem Thema stützen konnte, liegen nun seit einigen Jahren eigene Erhebungen in Form des Dialogprogramms Afrika vor. Von 2003 bis 2005 machte sich FairWertung in Kamerun und Tansania ein eigenes Bild. Zahlreiche Gespräche mit den Menschen vor Ort zeigten, dass Secondhand-Kleidung für viele aus finanziellen Gründen unverzichtbar ist.

Zu einer festen Größe geworden
Nach 15 Jahren FairWertung blickt Andreas Voget auf eine bewegte Zeit mit Höhen und Tiefen zurück. Sein Fazit: „Die Anfänge waren sicher nicht ganz einfach. Heute aber können wir sagen: Wir haben in den 15 Jahren unseres Bestehens so manches auf den Weg gebracht. Mit unserer Arbeit konnten wir zahlreiche gemeinnützige Organisationen dazu bewegen, sich ihrer Verantwortung im Umgang mit gebrauchter Kleidung bewusst zu werden. Viele Menschen haben durch uns erstmals die Möglichkeit, sich umfassend über das Thema Gebrauchtkleidung sowie einen verantwortungsvollen Umgang mit ausrangierter Kleidung zu informieren. Außerdem haben wir in all den vergangenen Jahren für mehr Transparenz auf dem Gebrauchtkleidermarkt gesorgt.“

Dieser Artikel ist im Magazin Brauchbar 2010 erschienen

Beitrag empfehlen auf Facebook Beitrag teilen auf Google+