Rund um den Globus gefragt - Thesen zum Export von Secondhand-Kleidung

Gebrauchtkleiderexporte werden in Deutschland seit 15 Jahren kontrovers diskutiert. Dabei geht es vor allem um die Auswirkungen der Exporte auf lokale Industrien und Wirtschaftskreisläufe in den Importländern. Die afrikanischen Staaten südlich der Sahara stehen dabei seit langem im Fokus, denn sie sind die Hauptimporteure europäischer Gebrauchtkleidung. Die Diskussion begann in den 1990er Jahren und wird bis heute vielfach mit denselben Argumenten geführt, obwohl sich wesentliche Aspekte und Bedingungen verändert haben. FairWertung hat daher das Dialogprogramm „Gebrauchtkleidung in Afrika“ (2003 bis 2005) initiiert, um mehr über die Sichtweisen der direkt Betroffenen zu erfahren. Seitdem werden immer wieder Marktbeobachtungen und Interviews durchgeführt. Die Ergebnisse des Dialogprogramms und der weiteren Recherchen sind in die nachfolgenden Thesen eingeflossen, mit denen FairWertung zu einer vertieften Analyse und Diskussion über Gebrauchtkleiderexporte beitragen möchte.

1. Neue Kleidung kommt vorwiegend aus Asien
In der globalisierten Weltwirtschaft sind Produktionsstandorte und Absatzmärkte für Waren immer stärker entkoppelt. Produziert wird vor allem dort, wo die Löhne am niedrigsten sind. Konsumiert wird hingegen da, wo die Kaufkraft am höchsten ist. Das ist auch bei Textilien der Fall. Heute dominieren auf vielen Märkten Textilien aus Asien, die zu geringen Löhnen und oft schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt wurden. Besonders drastisch sind die Arbeitsbedingungen in sogenannten „Freien Produktionszonen“. Auch in verschiedenen afrikanischen Ländern wird in solchen „Freien Produktionszonen“ Bekleidung für den Export nach Europa oder USA gefertigt, nicht aber für den heimischen Massenmarkt. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Diskussion um soziale Mindeststandards enorm an Bedeutung.

2. Kleiderkonsum in Deutschland nimmt immer mehr zu
In den vergangenen Jahren sind in Deutschland Textilien im Verhältnis zum Einkommen immer billiger geworden. Daher werden immer mehr Textilien pro Person und Jahr gekauft. Neben dem Preis sind vor allem Modeaspekte für den Kauf entscheidend; die Qualität spielt dagegen eine immer geringere Rolle. Und: Kleidung wird immer schneller wieder aussortiert. Das lässt den Berg an Gebrauchttextilien weiter wachsen. 2007 kamen so über 750 000 Tonnen Gebrauchttextilien in Kleidersammlungen zusammen. Dieser Mengenanstieg ist Ausdruck einer wachsenden Wegwerf-Mentalität bei Kleidung. Ein sinnvoller Schritt wäre daher, beim Einkauf von Textilien der Qualität den Vorrang vor Quantität einzuräumen.

3. Nachfrage nach Secondhand-Kleidung wächst stetig
Dem wachsenden Kleiderberg in Deutschland und Westeuropa steht eine weltweit steigende Nachfrage nach Gebrauchtkleidung gegenüber. Dies ist vor allem in Ländern der Fall, deren Bevölkerung nur über geringe Kaufkraft verfügt. Hierzu gehören Osteuropa, der Mittlere Osten, Mittelasien sowie der afrikanische Kontinent. Denn Secondhand-Kleidung ist für viele die einzige Möglichkeit, Textilien günstig zu kaufen. Insbesondere in den ländlichen Regionen in Afrika hat sie eine große Bedeutung für die Grundversorgung mit Kleidung.

4. Es gibt parallele Märkte für Neu- und Gebrauchtkleidung
In den meisten Ländern werden sowohl Neutextilien als auch Secondhand-Kleidung angeboten. Beide Märkte sprechen jeweils unterschiedliche Käuferschichten und unterschiedliche Bedürfnisse an. Die angebotene Neukleidung stammt aber zum größten Teil aus asiatischer Produktion. Sie hat in der Regel einen hohen Kunstfaseranteil und ist da¬her nicht den klimatischen Bedingungen angepasst. Vielfach wird Secondhand-Kleidung daher preisgünstiger Neuware aus Asien vorgezogen, weil sie angenehmer zu tragen und länger haltbar ist.

5. Textil- und Bekleidungsproduktion in Afrika krankt an Struktur- und Kapitalmangel
Die Annahme, geringere Gebrauchtkleiderimporte oder gar ihr Stopp würde automatisch einen (Wieder-) Aufbau der heimischen Textilproduktion in den Importländern bewirken oder ihn begünstigen, trifft nicht zu. Vielmehr wird die heimische Produktion durch mangelhaften Zugang zu Kapital und Know-how sowie ungünstige Rahmenbedingungen wie zum Beispiel häufige Stromausfälle oder fehlende Ersatzteile gehemmt. Ferner reicht die Menge an lokal gefertigter Kleidung oft nicht aus, um den Bedarf der Bevölkerung zu decken.
Es gibt allerdings Fabriken, die gezielt für Nischenmärkte produzieren, so zum Beispiel Schuluniformen. Aus entwicklungspolitischer Sicht wäre es wünschenswert, wenigstens in Teilmärkten eine eigene Textil- und Bekleidungsindustrie zu etablieren, um den Vorteil niedriger Produktionskosten und kurzer Wege zum Rohstoff Baumwolle zu nutzen und eine regionale Wertschöpfungskette aufzubauen.

6. Verwendung von Secondhand-Kleidung schont Ressourcen
Das Tragen von Secondhand-Kleidung verlängert die Lebensdauer von Kleidung und schont damit Ressourcen. Denn vom Rohstoff Baumwolle bis zum fertigen Kleidungsstück fallen weite Transportwege an. Hinzu kommen der hohe Wasserverbrauch und die Belastung durch Chemikalien. Deshalb ist es wünschenswert, dass die Akzeptanz von Secondhand-Kleidung in Deutschland weiter zunimmt. Die Nutzung von Secondhand-Kleidung ist selbst dann noch ökologisch sinnvoll, wenn sie in andere Kontinente exportiert wird. Dagegen ist das Verarbeiten gut erhaltener Textilien zu Rohstoffen weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll. Das Textilrecycling allein ist nicht wirtschaftlich, da die Kosten für das Einsammeln und Sortieren der Kleidung die Einnahmen durch Recyclingfasern bei weitem übersteigen.

7. Secondhand-Kleidung schafft Beschäftigung
Das Sammeln, Sortieren und Verkaufen von Gebrauchttextilien sichert weltweit vielen Menschen Arbeit und Einkommen. In vielen Importländern bietet der Secondhand-Handel besonders Frauen und Jugendlichen ohne Berufsabschluss eine Verdienstmöglichkeit. Da der Kleinhandel dem informellen Sektor zuzurechnen ist, fehlen jedoch verlässliche Zahlen. Allerdings hat der Gebrauchtkleiderhandel Auswirkungen auf das Schneiderhandwerk und seine Absatzmöglichkeiten. Vielfach haben sich Schneiderinnen und Schneider daher auf das Umarbeiten von Secondhand-Kleidung oder das Herstellen von neuen Kreationen aus Gebrauchttextilien spezialisiert.

8. Kleidungsstil ist individuelle Entscheidung
In vielen Ländern ist ein Wandel der Bekleidungsgewohnheiten zu beobachten. Die Me¬dien (Fernsehen, Zeitschriften, Inter¬net), aber auch das Angebot an Gebrauchtkleidung selbst haben dabei einen großen Einfluss. Auch in afrikanischen Ländern spielen Modeaspekte daher eine immer größere Rolle. Secondhand-Kleidung bietet eine Möglichkeit, auch bei begrenztem Budget an Modeentwicklungen teilzuhaben. Während im Alltag Secondhand-Kleidung getragen wird, hat traditionelle Kleidung bei feierlichen Anlässen weiterhin ihren Platz. Da der Kleidungsstil eine persönliche Entscheidung ist, empfinden manche die in Deutschland geführte Diskussion über Gebrauchtkleiderexporte als Bevormundung. Sie möchten selbst entscheiden, was sie tragen und sich nicht von anderen vorschreiben lassen, „was gut für sie ist“.

9. Es gibt illegale und unfaire Handelspraktiken
Wie in anderen Branchen auch, so sind im Gebrauchtkleiderhandel Praktiken zu beobachten, die sich negativ auf Volkswirtschaften auswirken. Hierzu zählen illegale Einfuhren, zu niedrig oder nicht verzollte Importe, als Hilfsgut deklarierte Handelsware sowie Schmuggel und Korruption. Diese Praktiken bedrohen Gebrauchtkleiderhändler, Schneider und Textilfabrikanten gleichermaßen. Sie sind jedoch kein generelles Argument gegen den Handel mit Secondhand-Kleidung. Es ist vielmehr wichtig, die bestehenden Kontrollinstrumente und Standards für den Import anzuwenden und weiter zu entwickeln.

10. Hilfstransporte sind auch Exporte
Anders als der gewerbliche Handel mit Secondhand-Kleidung haben Hilfslieferungen mit Kleidung ein eher positives Image. Aber auch kostenlose Hilfslieferungen sind Exporte, die die Märkte in den Importländern beeinflussen. Hilfsgüter, die durch Zollbefreiung oder Zollerleichterung begünstigt importiert werden, führen im Vergleich zu kommerziell eingeführten Waren zu geringeren Staatseinnahmen. Wenn ursprünglich als Hilfsgut eingeführte Kleidung auf den lokalen Märkten verkauft wird, kommt es zudem zu Marktverzerrungen in den Importländern. Das ist vielfach dann der Fall, wenn die Lieferung nicht auf die Bedürfnisse der Empfänger abgestimmt ist oder die Empfängerorganisation durch den Verkauf der Hilfslieferung Eigenmittel erwirtschaften will. Auf diese Weise können Hilfsgüterlieferungen einen negativen Dumpingeffekt auf die lokalen Wirtschaftskreisläufe in den Importländern haben.

11. Verbraucher und Sammler haben Verantwortung
Genau wie die Produktion von Neutextilien ist die Verwertung von Gebrauchttextilien heute weltumspannend. Daher sind Umwelt- und Sozialstandards sowohl bei der Produktion von Neutextilien als auch bei der Verwertung von Gebrauchtkleidung not¬wendig und sinnvoll. Bei Gebrauchttextilien kommt dabei der (gemeinnützigen) Sammelorganisation eine Schlüsselrolle zu. Denn sie entscheidet darüber, an welchen Abnehmer die Sammelware verkauft wird. Die Sammelorganisation kann mit der Wahl des Abnehmers auch darauf Einfluss nehmen, wo und unter welchen Bedingungen die gesammelte Kleidung sortiert wird. Der Sammler ist zudem juristisch dafür verantwortlich, dass die Textilien ordnungsgemäß sortiert und verwertet sowie Abfälle ordnungsgemäß entsorgt werden. Verbraucher sollten daher ausrangierte Kleidung nur an solche Organisationen abgeben, die dieser Verantwortung nachkommen.

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