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Die Legende vom Reißwolf

Nach wie vor sind die Zusammenhänge des Textilrecyclings der Mehrheit der Bevölkerung weitestgehend unbekannt. Daher kursieren viele falsche Vorstellungen und Erwartungen bezüglich der Verwendung von Gebrauchtkleidung. So wird beispielsweise häufig angenommen, die gesamte abgegebene oder gesammelte Kleidung werde kostenlos an Bedürftige in Deutschland weitergegeben oder für Hilfstransporte verwendet.

Allerdings enthalten viele Sammelaufrufe auch keine eindeutigen Informationen darüber, was tatsächlich mit der gesammelten Kleidung geschieht. Nicht selten werden sogar gezielt irreführende und vernebelnde Formulierungen eingesetzt, um Bürger/-innen emotional anzusprechen und auf diese Weise mehr Sammelware zu erhalten. Nachfolgend sind einige Beispiele aufgeführt.

Beispiel 1:

„Ihre Kleiderspende kommt bedürftigen Menschen zugute.“

Die Formulierung erweckt den Eindruck, die gesammelte Kleidung würde ausschließlich und kostenlos an Bedürftige in Deutschland weitergeben.

Beispiel 2:

„Helfen Sie, damit wir helfen können.“

Diese Formulierung suggeriert, dass die gesammelte Kleidung (vollständig) Hilfsprojekten oder Hilfslieferungen in Notstandsgebieten zukommt.

Beispiel 3:

„Die Kleidung wird sortiert und weiterverwendet.“
oder:
„Ihre Kleiderspende wird generell der Weiterverwertung zugeführt.“

Hier entsteht der Eindruck, die gesammelte Kleidung werde von der Sammelorganisation sortiert und dann beispielsweise einer Kleiderkammer zugeführt. Es fehlt jeder Hinweis darauf, dass die Kleidung in Wirklichkeit an gewerbliche Sortierbetriebe verkauft wird und von ihnen nach entsprechender Sortierung als Secondhand-Kleidung weiter verkauft wird.

Beispiel 4:

„Ihre Kleidung kommt nicht in den Reißwolf.“

Hier wird gezielt die Sorge vieler Menschen angesprochen, ihre gute Kleidung werde nicht sinnvoll verwendet, sondern geschreddert und zu Rohstoffen verarbeitet. Tatsächlich werden aber nur minderwertige und schadhafte Textilien zu Rohstoffen verarbeitet. Gut erhaltene und modische Kleidung ist dagegen als Secondhand-Kleidung gefragt – niemand würde sie mutwillig schreddern.

Beispiel 5:

„Die Kleidung wird für die soziale Betreuung verwendet oder für die Katastrophenhilfe bereit gehalten.“

Diese Formulierung suggeriert, dass die Kleidung direkt und ausschließlich für Sozial- oder Hilfsmaßnahmen verwendet wird. Wenn mit diesem Argument für eine Straßensammlung geworben wird, ist Vorsicht geboten. Denn zum einen werden Straßensammlungen in der Regel direkt und unsortiert an Recyclingfirmen verkauft. Zum anderen heißt "für die Katastrophenhilfe bereitgestellt" nicht automatisch, dass die Kleidung tatsächlich auch für Katastrophenfälle verwendet wird, zumal Gebrauchtkleidung in der Katastrophenhilfe nur eine geringe Rolle spielt.