Von der Afrikaquote zum Dialogprogramm

Secondhand-Kleidung ist heute aus dem täglichen Leben in vielen afrikanischen Ländern nicht mehr wegzudenken. Sie deckt hier zwischen 60 und 80 Prozent des aktuellen Bekleidungsbedarfs. Jahrelang wurde der Export von Secondhand-Kleidung nach Afrika in Deutschland heftig kritisiert. In den letzten 15 Jahren hat sich der Markt in den Importländern aber so verändert, dass heute eine differenziertere Beurteilung möglich ist.

Fragt man nach dem Grund für den weit verbreiteten Secondhand-Handel, wird vor allem auf die geringe Kaufkraft in vielen afrikanischen Ländern verwiesen. Dieser Aspekt wurde in der Diskussion lange Zeit ausgeblendet. Der Gedanke, ohne die Konkurrenz von Secondhand-Kleidung gäbe es wieder neue Fabriken, die Jacken, Hosen, Hemden und Anzüge in großen Mengen und zu günstigen Preisen anbieten könnten, ist deshalb leider immer noch unrealistisch. Zumal inzwischen die auf den afrikanischen Märkten angebotene Neukleidung überwiegend aus asiatischer Billigproduktion kommt. Dies wurde 2005 durch das Auslaufen des Welttextilabkommens mit seinen Quotenbeschränkungen ermöglicht. Hinzu kommen bilaterale Zollvergünstigungen vieler afrikanischer Staaten für China als Gegenleistung für Entwicklungshilfe.

Secondhand in der Kritik
Zur Gründungszeit von FairWertung sah man den Handel mit Secondhand-Kleidung noch in einem etwas anderen Licht. 1994 erschien die erste und für viele Jahre einzige kritische Studie über Umfang und Auswirkungen des Gebrauchkleiderhandels auf die Textilindustrie in Entwicklungsländern. Das kirchennahe SÜDWIND-Institut aus Siegburg beschrieb in dieser Studie mit dem Titel: „Der Deutschen Alte Kleider“(1), wie sich die Verbreitung von Secondhandkleidung in Afrika innerhalb weniger Jahre rasant beschleunigt hatte. Interviews mit betroffenen Textilarbeitern und Gewerkschaftern ließen den Autor, Friedel Hütz, zu dem Schluss kommen, dies sei der Hauptgrund für den Niedergang der afrikanischen Textilindustrie.
Diese Sichtweise war lange Zeit in der entwicklungspolitisch interessierten Öffentlichkeit vorherrschend und ist auch heute noch vielfach anzutreffen. Auch FairWertung schloss sich dieser Einschätzung an - sie war letztlich sogar der Auslöser dafür, den Dachverband zu gründen. Denn alle Gründungsmitglieder waren sich darin einig, dass das Sammeln von Kleidung in keinem Fall schädliche Folgen in anderen Teilen der Welt haben sollte. Mit den Sortierbetrieben, die sich FairWertung anschlossen, wurde daher vertraglich vereinbart, den Export von Kleidung nach Afrika auf zehn Prozent der gesammelten Menge zu begrenzen. Das führte in der Branche zu heftigen Reaktionen. Der indirekte Vorwurf, an der Armut der Menschen beteiligt zu sein und ihnen Entwicklungschancen zu nehmen, war aus Sicht der Alttextilbranche, aber auch einiger großer Sammelorganisationen bedrohlich: Sie befürchteten, viele Verbraucher/-innen würden keine Kleidung mehr in Sammlungen geben. Deshalb gab eine große Schweizer Organisation eine „Gegenstudie“ in Auftrag, die 1997 erschien (2).
Die Studie hob vor allem die positiven Beschäftigungseffekte im Handel hervor. Bei näherem Hinsehen zeigten sich aber auffällige methodische Schwächen: Beispielsweise hatte man nur Händler/-innen befragt. Problematische Aspekte wie das falsche Deklarieren von Handelsware als Hilfsgüter oder monopolistische Marktstrukturen blieben dagegen bei dieser Studie unberücksichtigt.

Prozess des Umdenkens beginnt
Doch bei aller Kritik an den Exporten von Gebrauchtkleidung war nicht zu leugnen, dass sich die Secondhand- Märkte in Afrika zunehmend zur wichtigsten Versorgungsgrundlage für Textilien
entwickelten. Als Folge der hohen Verschuldung vieler afrikanischer Länder wurde im Rahmen sogenannter Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds die Abschaffung aller staatlichen Subventionen durchgesetzt. Ohne diese Unterstützung haben bis heute nur wenige Textil- und einige Bekleidungsfabriken überleben können.
Es mehrten sich außerdem Stimmen, die die grundsätzliche Kritik an Gebrauchtkleiderexporten nach Afrika in Frage stellten. Hierunter waren viele Rückkehrer/-innen kirchlicher Organisationen, die lange in Afrika gearbeitet hatten. Auch Fachleute aus der Textil- und Bekleidungsbranche teilten diese Einschätzung. So auch Dr. Cesare Aspes aus Wuppertal, der afrikanische Unternehmen und Regierungen in Fragen der Textil- und Bekleidungswirtschaft berät. Auf einer Tagung von FairWertung im Mai 2000 informierte er über die Produktionsstufen und Zusammenhänge bei der Textil- und Bekleidungsherstellung. Sein Fazit: „Die schwache Position der Bekleidungsindustrie hat vor allem endogene Gründe“.
Gespräche mit Managern von Textilfabriken und Gewerkschaftern in Afrika bestätigten dies. Geringe Produktivität, schlechtes Marketing, mangelhafte Produkt- und Zulieferqualitäten, Energie- und Logistikprobleme, Verschuldung und leider auch Korruption bei den Privatisierungen der ehemals staatlichen Fabriken sind nur einige dieser Faktoren, die genannt wurden. So kam Aspes schon 2000 zu dem Schluss: „Altkleider ersetzen Neukleidung nur in geringem Umfang. Zu 80% ist der Altkleidermarkt ein selbstständiger Markt, denn die meisten Konsumenten können sich ohnehin keine [lokal gefertigte] Neukleidung leisten“. Er bezweifelte deshalb auch den Sinn der von FairWertung beschlossenen Exportbeschränkung nach Afrika.
FairWertung setzte sich mit diesen Argumenten intensiv auseinander und beschloss nach längeren Diskussionen, die „Afrikaquote“ Anfang 2003 aufzuheben. Gleichzeitig erarbeitete der Verband ein neues Selbstverständnis, in dem unter anderem ein entwicklungspolitischer Anspruch verankert wurde, Darin hieß es: „Der Dachverband FairWertung sieht sich in der Verantwortung für die gesamte Prozesskette beim Textilrecycling. Dies heißt auch, dass er die ökologischen und sozialen Folgen in den Importländern beachtet und seine Aktivitäten im Interesse der dort lebenden Menschen ausrichtet.“

Das Dialogprogramm in Afrika
Eine konkrete Konsequenz daraus war das „Dialogprogramm Gebrauchtkleidung in Afrika“ (3). Von 2003 bis 2005 führte FairWertung zahlreiche Gespräche mit Menschen verschiedenster Schichten und Berufsgruppen sowie mit Organisationen in Tansania, Kamerun und in weiteren afrikanischen Ländern, um zu klären, wie sie zu Secondhand-Kleidung stehen. Die Ergebnisse
des Programmes bestätigten die bereits fünf Jahre zuvor geäußerte Einschätzung von Dr. Aspes in vielen Punkten: Secondhand-Märkte ermöglichen es demnach zahlreichen Menschen in diesen Ländern, sich je nach Bedarf und Geldbeutel mit Kleidung zu versorgen. Erstaunlich waren auch die Antworten von Beschäftigten und Gewerkschaftern aus Textilfabriken. Sie geizten nicht mit Kritik an der staatlichen Politik: Ihrer Ansicht nach fördere der Staat nur noch eine exportorientierte Bekleidungsproduktion. Diese sei aber nur in sog. „freien Produktionszonen“ konkurrenzfähig, wo die Löhne niedrig und die Arbeitsgesetze eingeschränkt seien. Hinzu komme, dass selbst diese Kleidung für die einheimische Bevölkerung nicht erschwinglich sei. Auch Entwicklungsexperten bestätigten, dass eine Textil- und Bekleidungsproduktion ohne staatliche Subventionen schwierig zu realisieren sei. Bespiele aus verschiedenen Ländern zeigen jedoch, dass privat geführte Bekleidungs- und Textilfabriken durchaus eine Marktchance haben. Und zwar dann, wenn sie sich z.B. darauf spezialisieren, Stoffe für traditionelle Kleidung oder in großem Stil für regionale Nischenmärkte wie Schul- und Berufskleidung zu produzieren.
Berechtigt ist allerdings der Einwand, die Gebrauchtkleiderimporte hätten volkswirtschaftlich nur geringen Nutzen, da der Handel mit Kleidung allein keinen Mehrwert und keine Wertschöpfung schaffe. Anders sähe die Situation hingegen bei eigener Herstellung aus: Niedrige Produktionskosten und kurze Wege zum Rohstoff Baumwolle böten gute Voraussetzungen dafür,
wenigstens für Teilmärkte eine afrikanische Textil- und Bekleidungsindustrie aufzubauen. Auch aus entwicklungspolitischer Sicht wäre dies wünschenswert. Doch das setzte erst einmal hohe Investitionen und funktionierende Rahmenbedingungen voraus. Beides ist in vielen Ländern leider nicht gegeben. Es ist aber denkbar, dass durch das Verlagern der Feinsortierung von Secondhand-Kleidung oder durch den Aufbau von Recyclingbetrieben in naher Zukunft dauerhafte
Arbeitsplätze in afrikanischen Ländern entstehen.

Gesamte Verwertungskette im Blick
Seit Beginn der Diskussion über Gebrauchtkleiderexporte hat sich viel verändert. Die Frage, inwieweit Gebrauchtkleidung und lokale Bekleidungsindustrie miteinander konkurrieren, wird in Afrika selbst kaum noch gestellt. Allerdings empfinden viele Menschen es als Bevormundung, wenn man in Deutschland darüber diskutiert, ob Secondhand-Kleidung „gut für afrikanische Konsumenten ist“. Bis heute sind die FairWertung angeschlossenen Organisationen die einzigen Sammler, die sich mit der weltweiten Secondhand-Vermarktung auseinandersetzen. Um die Auswirkungen des Secondhand- Handels realistisch beurteilen zu können, sucht Fair-Wertung daher weiterhin das direkte Gespräch mit Menschen vor Ort sowie mit Kirchen und Entwicklungsorganisationen. Die bisherigen Ergebnisse und Erfahrungen hat FairWertung in einem aktualisierten Thesenpapier zusammengefasst (siehe Heftmitte). Es soll Eine-Welt-Gruppen und anderen Engagierten ermöglichen, sich an der Diskussion zu beteiligen.

1) Der Deutschen alte Kleider, Südwind-Texte 3, Siegburg 1994
2) Gebrauchtkleider: Export, Sozialverträglichkeit und gesellschaftliche
Akzeptanz. Hrsg Schweizerische Akademie für Entwicklung (SAD), 1997
3) Dokumentation: Dialogprogramm Gebrauchtkleidung in Afrika.
Hrsg. Dachverband FairWertung e.V., 2005.
Das Programm wurde durch den Evangelischen Entwicklungsdienstes
(EED) bezuschusst sowie durch andere kirchliche Organisationen
durch die Vermittlung von Gesprächskontakten unterstützt

Dieser Artikel ist im Magazin Brauchbar 2010 erschienen

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