Ökofaire Pioniere

Die LamuLamu-Kollektion des katholischen Landjugendverlags hat die Messlatte für sauber produzierte Kleidung höher gehängt.

„Unser Problem sind die Lobeshymnen von Kundinnen, die sagen: ´Wir tragen Euer T-Shirt seit 10 Jahren und es ist immer noch wunderbar in Ordnung´. So sättigen wir unsere Kundenkreise selbst“, sagt Peter Schardt, Leiter des katholischen Landjugendver¬lags (LJV), mit einem verschmitzten Lächeln auf dem Gesicht. Als Tochter der Katholischen Landjugendbewegung Deutschlands (KLJB) lässt der Verlag seit 1998 in Ostafrika Shirts, Tanktops und Hosen herstellen, deren gesamte Produktionskette ökologisch und sozial zertifiziert ist - vom Anbau der Biobaumwolle bis zur fertigen Konfektion. Echte Pionierarbeit, denn eine solch umfassende Zertifizierung sucht in Deutschland ihresgleichen.

Am Anfang war das Altkleid
„Alles begann mit der Diskussion um Altkleider“, erzählt Peter Schardt, der die Idee einer ökofairen Produktion mit entwickelte. „Seit fast 50 Jahren beteiligt sich die KLJB an der Aktion Rumpelkammer: Deutschlandweit sammeln viele unserer Gruppen Altkleider und verdienen Geld mit ihrem Verkauf.“ Als Mitte der 90er Jahre vermehrt über die undurchsichtigen Strukturen des Altkleiderhandels berichtet wurde, fragten sich auch viele KLJB-Gruppen, was nach dem Verkauf mit „ihren“ Altkleidern passiert. Um deren Weg durch den globalen Textiliendschungel künftig besser kontrollieren zu können, schlossen sich viele KLJB-Gruppen FairWertung an. Doch die KLJB ging noch einen Schritt weiter: „Für politische Aktionen oder Ereignisse wie Kirchentage benötigen wir jedes Jahr mehrere Tausend bedruckte Shirts“, berichtet Peter Schardt. „Diese Shirts wollten wir ökofair produzieren lassen – in kleinbäuerlicher Produktion, ohne Pestizideinsatz, mit sozialer Absicherung für die Arbeiterinnen und Arbeiter.“ Ziel war, die gesamte Produktionskette umweltfreundlich und fair zu gestalten.
Doch dies war Mitte der 90er Jahre extrem schwierig. Unternehmen wie Hess natur produzierten zwar umweltfreundlich, hatten aber keine Erfahrung mit der Umsetzung sozialer Kriterien. Andersherum verbanden viele Fairhandelsimporteure ihre sozialen Standards noch nicht mit ökologischen Aspekten. Um ihre ökofaire Produktionslinie zu verwirklichen, tat sich die KLJB schließlich mit der GTZ zusammen, die die Finanzierung übernahm. Schnell war die Entscheidung für Ostafrika gefallen – um einen Gegenpol zur Abwanderung von Textilproduzenten nach Asien zu bilden.
Nach einer intensiven Begutachtung der Produktionsstrukturen entschied sich die KLJB für die Zusammenarbeit mit Baumwollproduzenten in Tansania. Spinnereien, Webereien, Färbereien und Konfektionierer fand sie in Kenia. „Die Vorteile eines sauberen und sozial gerechten Produktionsweges mussten wir mit unseren Partnern allerdings erst erarbeiten“, erinnert sich Peter Schardt. „Die Beschaffung ökologischer Produkte wie umweltverträglicher Farben und der sparsame Umgang mit Wasser und Energie stellte uns immer wieder vor neue Herausforderungen.“ Doch es gelang: 1998 lieferten die Partner erstmals 10.000 ökofaire T-Shirts nach Deutschland. Sie unterstützten damit die Kampagne „ökofair tragen“, mit der die KLJB für saubere Kleidung wirbt.

GOTS - Gütesiegel mit hohem Anspruch
Um auch die Diskussion über soziale und ökologische Standards voranzutreiben, beteiligte sich der Landjugendverlag - als wirtschaftlicher Zweig der KLJB - an der Gründung des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft (IVN). Seit 1999 vereinigt der IVN Produzenten und Händler, denen die umweltfreundliche Produktion von Textilien am Herzen liegt. Gemeinsam mit Verbänden aus den USA, Japan und Großbritannien rief der in Deutschland gegründete IVN den Global Organic Textile Standard (GOTS) ins Leben – ein internationales Gütesiegel, das für alle Produktionsschritte umweltschonende Verfahren, gesundheitsverträgliche Werkstoffe und die soziale Absicherung der ArbeiterInnen vorsieht.

Ökofair produzieren: ein holpriger Weg
Die Partner des Landjugendverlags in Kenia gehören zu den wenigen GOTS-zertifizierten Firmen auf dem afrikanischen Kontinent. Dennoch gelingt es auch dem LJV nie ganz, alle Kriterien einer ökofairen Produktion umzusetzen. „Zwar gibt es Mindestlöhne, der Mutterschutz ist umgesetzt und Kinderarbeit verboten“, berichtet Peter Schardt. „Aber von einem Living wage – einem Lohn, der den Menschen neben der Grundversorgung im Alltag auch kleine Freibeträge zur Verfügung stellt - kann zum Beispiel noch nicht die Rede sein.“
Mit den Partnern in Afrika arbeitet der LJV deshalb kontinuierlich an einer besseren Umsetzung der Standards. Heute stellen drei Hauptfirmen die Textilien her, die von deutschen Designern entworfen werden: Die Biobaumwolle kommt aus einem Projekt des großen Schweizer Baumwollhändlers BioRe; es ist im Distrikt Meatu im Nordwesten Tansanias angesiedelt. Weiter östlich, in Arusha, verarbeitet die Firma Sunflag die Baumwolle zu Garnen und Stoffen. Hier entstehen auch die Färbungen. Die fertigen Stoffe liefert Sunflag nach Kenia, wo die Firma Kiboko Leisure Wear die Textilien konfektioniert.
Um Missstände in der Produktion besser erkennen und beseitigen zu können, nimmt sich der LJV viel Zeit für seine Partner. „Wenn wir in Ostafrika sind, sehen wir uns alle Abteilungen der Firmen an und sprechen mit den Mitarbeitern über die Arbeitsbedingungen, über ihre Zufriedenheit und ihre Rechte“, erzählt Schardt. Bei Sunflag regt der LJV immer wieder die Verbesserung der Produktionsbedingungen an. Auch deshalb profitieren die etwa 2700 Mitarbeitenden mittlerweile von einem Code of Conduct, der sich auf die ILO-Arbeitsnormen beruft.
Aus jedem verkauften Kleidungsstück fließen 50 bis 75 Cent in einen Sozialfonds, den der LJV für das gesamte Textilprojekt eingerichtet hat. Bei Kiboko werden die Einnahmen aus dem Fonds für ein Mikrokreditsystem verwendet, das von einigen der 120 ArbeiterInnen verwaltet wird. „Ursprünglich sollte der Fonds auch zur Altersversorgung dienen“, sagt Peter Schardt. „Aber vielen Menschen in Afrika ist das Sparen für spätere Zeiten schlecht zu vermitteln. Sie brauchen ihr Geld jetzt, zum Beispiel für Schuluniformen.“ In einem Workshop werden Belegschaft und Vorstand von Kiboko gemeinsam mit dem LJV andere Perspektiven für den Sozialfonds entwickeln – angedacht sind u.a. Kredite für zusätzliche Geschäftsideen der MitarbeiterInnen.

Vorbild Inselidylle
Alle Textilien, die Kiboko für den Landjugendverlag konfektioniert, gehören zur Produktlinie LamuLamu - benannt nach der kenianischen Insel Lamu, die Sinnbild für ein gesundes und idyllisches Leben ist. Ein normales T-Shirt verkaufen Weltläden oder der Webshop www.lamulamu.de für etwa 18 Euro. Hauptabnehmer sind allerdings bis heute Organisationen aus dem kirchlichen Umfeld. Für spezielle Anlässe lassen sie sich die Shirts in Deutschland bedrucken oder besticken. Abhängig davon, ob wichtige Ereignisse wie Kirchentage anstehen, verkauft der Landjugendverlag zwischen 15.000 und 40.000 Shirts pro Jahr.

Transportwege: Dämpfer für die Ökobilanz
Die LamuLamu-Kollektion wird heute zu 100 Prozent ökologisch einwandfrei hergestellt. Ein Wermutstropfen ist lediglich der weite Transportweg nach Deutschland. „Unsere 6-10 Liefertermine pro Jahr können wir nur mit Luftfracht einhalten. Containerlieferungen sind sehr unzuverlässig, und die Ware ist oft 15-20 Wochen unterwegs“, berichtet Peter Schardt. Um die weiten Transportwege „auszugleichen“, kooperiert der Landjugendverlag mit der Firma Climate Partner. Mehrmals im Jahr errechnet sie den CO2-Verbrauch, der bei Produktion, Transport, Verarbeitung, Veredlung und Auslieferung der LamuLamu-Textilien anfällt. Der LJV zahlt dann einen entsprechenden Ausgleich, der in Wasserkraft- oder Solarstromprojekte fließt. „Eigentlich kaufen wir uns mit diesem modernen Ablasssystem aber nur ein gutes Gewissen“, gibt Peter Schardt zu bedenken.
Doch weiten Transportwegen und modernem Ablasshandel zum Trotz: Die einzigartige, sehr strenge Kontrolle bei der Herstellung der LamuLamu-Kollektion schützt die Umwelt und das Leben der Produzenten. Die lange Lebensdauer verringert textile Müllberge. Und durch die gute Qualität hat das T-shirt auch noch ein zweites Leben auf dem Secondhand-Markt.

Dieser Artikel ist im Magazin Brauchbar 2011 erschienen

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