„Das Hauptproblem ist nicht Gebrauchtkleidung“

Für Attac-Mitglied Jutta Sundermann sind Gebrauchtkleider ein Symbol für globalen Wachstumswahn – aber nicht die Ursache für den Zerfall afrikanischer Textilindustrien. Die Mitbegründerin von Attac und Expertin für Globalisierung, Ökologie und Entwicklungspolitik reiste von Ende August bis Anfang Oktober 2011 durch Kenia und befasste sich dort auch mit der Rolle des Gebrauchtkleiderhandels.

Ein Interview.

Jutta Sundermann
Jutta Sundermann

Frau Sundermann, Sie haben sich in Kenia mit der Bedeutung des Gebrauchtkleidermarktes beschäftigt. Was haben Sie beobachtet?
Sundermann: Wir haben überall Altkleiderballen gesehen, vor allem in den Slums; Frauen haben die Kleidung an der Straße oder an marktähnlichen Ständen verkauft. Unsere Frage, welche Bedeutung gebrauchte Textilien haben, haben die Menschen einhellig beantwortet: „Sie der einzige Weg, um an bezahlbare Kleidung zu kommen.“ In den Slums waren die meisten Kinder und Erwachsenen sehr ordentlich angezogen, ich selbst habe mich dort manchmal „underdressed“ gefühlt. Die Straßen bestehen zwar aus Schlamm und Dreck und viele Kinder tragen an den Füßen zerfetzte Flipflops - aber sie kleiden sich in einwandfreie Hosen und T-Shirts.

 

Haben Ihre Beobachtungen Sie überrascht?
Sundermann: Wir wussten schon, wie wichtig es den Menschen in Kenia ist, auf sich zu achten und gute Kleidung zu tragen. Trotzdem war ich zunächst erschrocken, wie präsent dabei die Gebrauchtkleidung aus Europa ist. Schließlich hatte auch ich gelernt, dass Altkleider „böse“ sind, die Märkte überschwemmen und die einheimische Textilproduktion zerstören.

Wie denken Sie heute darüber?
Sundermann: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Der Textilmarkt ist ungeheuer globalisiert, und die Entwicklungen im Textilsektor sind maßgeblich von internationalen Abkommen abhängig. Das GATT, der Vorreiter der Welthandelsorganisation WTO, hat die Industrieländer – nicht nur im Textilsektor - erfolgreich vor Importen geschützt. Andererseits hat das Abkommen die Einfuhren von Produkten aus bestimmten Ländern durch eine Quotenregelung und niedrige Zölle bevorzugt. Besonders chinesische Unternehmen machten sich dies zunutze: Sie bauten in den Ländern Textilindustrien auf, die ihre Exportquote nicht ausschöpften - darunter auch Kenia und Tansania. Als die WTO die Quoten 2005 außer Kraft setzte, brach die künstlich aufgeblasene Industrie zusammen. Verschiedene Studien haben belegt, dass damals im Textilsektor sehr viele Arbeitsplätze verloren gingen.

Wie hat sich der Textilmarkt entwickelt, seit die Quoten gefallen sind?
Sundermann: Die internationalen Handelsstrukturen sind seither noch bedenklicher geworden. Es wird zunehmend auf Masse gesetzt, die aus Billiglohnländern stammt; in der Textilindustrie sind dies vor allem asiatische Staaten. Seit der Handel nicht mehr durch Quoten begrenzt wird, legen die so genannten Discounter ein ungeheures Wachstum an den Tag. Ihre Durchsetzungsfähigkeit ist ohne gleichen in der Handelsgeschichte. Für den Textilsektor ist diese Entwicklung verheerend - in ökologischer und sozialer Hinsicht. Besonders erschreckend sind die Arbeitsbedingungen und das Lohndumping. Dabei müsste zum Beispiel ein T-Shirt nur 25 Cent mehr kosten, um Arbeiterinnen in Bangladesh den doppelten Lohn zu ermöglichen.

Was muss Ihrer Ansicht nach getan werden?
Sundermann: Wir brauchen internationale Verbote von Lohndumping und von gesundheitsschädlichen Praktiken wie der Auswaschung von Jeans durch Sandstrahlen. Wir brauchen soziale und ökologische Mindeststandards und unabhängige Kontrollen. Viele Unternehmen geben sich durch Vorzeigeprojekte einen sozialen Anstrich, ändern aber grundsätzlich nichts an ihren Produktionsbedingungen. Gesetzlich sind sie nicht verpflichtet, darüber zu berichten. Deshalb ist es so schwer nachzuweisen, wie die Arbeitsbedingungen tatsächlich sind. Das europäische Parlament setzt sich für eine Berichtspflicht ein, aber momentan bremst die Bundesregierung einen wichtigen Vorstoß der EU-Kommission aus. Doch: Wenn wir lokale Industrien erhalten oder wieder aufbauen wollen, müssen wir den internationalen Billigproduktionen einen Riegel vorschieben. Die Entwicklungen auf dem Weltmarkt haben übrigens auch dazu geführt, dass heute selbst in Industrieländern wie Deutschland kaum noch Textilien produziert werden.

Hat denn - angesichts der Situation auf dem Weltmarkt - der Textilsektor in Afrika überhaupt eine Chance auf Eigenständigkeit?
Sundermann: Solange es keine internationalen Mindeststandards für Produktionsbedingungen gibt und keine Schutzmechanismen für Länder, die eigene Industrien planen, sehe ich keine Chancen für einen Ausbau der Textilproduktion in Afrika. Ein Land wie Kenia wird deshalb in absehbarer Zeit kaum in der Lage sein, Kleidung herzustellen, die die Bevölkerung bezahlen kann.

Gibt es neben den globalen Entwicklungen auch interne Faktoren, die eigenständige Textilindustrien in afrikanischen Ländern verhindern?
Sundermann: Ja, die gibt es auch. Einer der Hauptgründe ist meiner Ansicht nach die Korruption. Viele Politiker bereichern sich während ihrer Amtszeit; sie werden von Geschäftsleuten bestochen, die kurzfristige Projekte ins Leben rufen. Doch oft scheitern diese Aktionen, weil zum Beispiel wichtiges Baumaterial für den persönlichen Bedarf abgezweigt wird.

Wenn Sie sich für oder gegen den kommerziellen Vertrieb von Gebrauchtkleidern in Afrika aussprechen müssten – wofür würden Sie plädieren?
Sundermann: Angesichts der Armut in afrikanischen Ländern und der globalen Verhältnisse in der Textilbranche würde ich den Handel mit Gebrauchtkleidung nicht mehr sofort verbieten wollen. Ich glaube, dass es Akteure gibt, die mehr Schaden anrichten als die Secondhandkleidung aus Europa - nämlich die Auftraggeber und Betreiber von Sweatshops in Bangladesh, große Discounter wie Aldi und Lidl und die Verantwortlichen für die internationalen Handelsabkommen. Trotzdem sind die unglaublichen Mengen an Gebrauchtkleidung ein Teil des ganzen Wahnsinns. Sie symbolisieren den absurden Wachstumswahn des globalen Handels.

Wie sollten wir Ihrer Meinung nach hier in Deutschland mit gebrauchten Kleidern umgehen?
Sundermann: Wir sollten weniger kaufen, die Kleidung länger tragen und uns möglichst gebrauchte Textilien zulegen. Es sollte nicht mehr zum guten Ton gehören, sich jedes Jahr der Mode entsprechend neu zu bestücken. Außerdem braucht es mehr Menschen, die sich engagieren – für andere Produktionsbedingungen und faire Handelsregeln weltweit.

Dieser Artikel ist im Magazin Brauchbar 2012 erschienen

Beitrag empfehlen auf Facebook Beitrag teilen auf Google+